Bilanzen, die nie stimmen sollten
Es gibt zwei Sorten von Zahlen in dieser Stadt. Die, die gedruckt werden, und die, die zählen. Wer 1929 die zweite Sorte kannte, hat überlebt. Wer nur die erste kannte, steht heute in der Suppenküche.
Acht Jahre nach dem Crash sitze ich wieder in den Hinterzimmern, in denen die Addiermaschinen klappern, und wieder stimmt etwas nicht. Nicht ein bisschen. Grundsätzlich. Die Bücher, die mir die Herren in Nadelstreifen vorlegen, sind keine Bücher. Sie sind Kulissen. Hübsch genug für die Aktionäre, präzise genug für die Steuerprüfer, transparent genug, dass keiner nachfragt.
Aber wer addiert, wird stutzig. Was auf der Aktivseite glänzt, hat auf der Passivseite keinen Schatten. Was als Gewinn verbucht ist, war eine Buchung. Was als Reserve firmiert, ist ein Versprechen auf später, und später kommt bekanntlich nie.
Das System funktioniert so. Man gründet eine Tochter. Die Tochter leiht sich Geld. Das Geld fließt an die Mutter zurück, getarnt als Lizenzgebühr, als Beratungshonorar, als Entgelt für ein Patent, das nie ein Mensch benutzt hat. Die Mutter schreibt Gewinn. Die Tochter schreibt Schulden. Beide Posten verschwinden in den konsolidierten Bilanzen, weil Konsolidierung eine Kunst ist, die darin besteht, Dinge verschwinden zu lassen, ohne dass es auffällt.
Man nennt das Treuhandkonstruktion, wenn man Anzug trägt. Man nennt es Versteck, wenn man sechs ist. Der Effekt ist derselbe.
Ich habe in diesen Jahren gelernt: Wer behauptet, ein Unternehmen sei solide, meint damit, es sei noch nicht gepfändet worden. Wer behauptet, die Bilanz sei bereinigt, meint damit, die Leichen seien in ein anderes Kellergewölbe umgebettet worden. Und wer behauptet, der Aufschwung sei nachhaltig, meint damit, er werde durch Kredite finanziert, die in Büchern stehen, die niemand zu sehen bekommt.
Die Interessen, die hinter diesen Kulissen stehen, sind keine Geheimnisse. Sie sitzen in Aufsichtsräten, die sich selbst kontrollieren. Sie sitzen in Wirtschaftsverbänden, die sich als Sprachrohre der Allgemeinheit gerieren, während sie die Allgemeinheit von den wahren Zahlen fernhalten. Sie sitzen in Ministerien, die Auskunft geben, wenn es passt, und schweigen, wenn es wehtut. Sie sitzen in den Redaktionen der Zeitungen, die das Abdrucken, was hier steht, aus gutem Grund meiden.
Der Mechanismus ist einfach und deshalb schwer zu fassen. Solange die Wirtschaft wächst, fallen die Löcher in den Bilanzen nicht auf. Solange die Löcher nicht auffallen, kann man neue bohren. Solange man neue bohren kann, lässt sich Geld in Dinge stecken, die kein Bilanzprüfer gerne auf dem Tisch sehen würde, in Rüstung, in geheime Programme, in goldene Fallschirme für Vorstände, die nochmal davongekommen sind.
Ich sage nicht, dass alle betrügen. Ich sage: Alle profitieren von der Möglichkeit, dass man es könnte. Und in einem System, in dem die Möglichkeit belohnt wird, ist die Tat nur eine Frage der Gelegenheit.
Was mich 1929 nicht überleben ließ, war nicht die Krise. Die Krise kam wie der Winter. Was mich nicht überleben ließ, war die Weigerung derer, die es wissen mussten, es auszusprechen. Sie sagten: Wir können das den Bürgern nicht zumuten. Sie meinten: Wir können das den Bürgern nicht erklären, ohne zuzugeben, dass wir es selbst verbockt haben.
Also lügen sie weiter. Mit Zahlen, die keine sind. Mit Bilanzen, die nichts aussagen. Mit Pressekonferenzen, auf denen die Wahrheit wie ein ungebetener Gast behandelt wird.
Wer lesen kann, was zwischen den Zeilen steht, weiß: Die offiziellen Zahlen für 1937 sind wie ein Mantel, der im Wind flattert. Er bedeckt etwas. Was er bedeckt, weiß niemand genau. Aber es ist groß. Und es bewegt sich.
Wenn die Taschen dieses Mantels eines Tages umgekippt werden, wird man feststellen, dass das, was herausfällt, zu keiner der Geschichten passt, die man uns acht Jahre lang erzählt hat. Dann werden dieselben Männer in Nadelstreifen, die heute erklären, warum der Gürtel enger muss, erklären, warum sie von alldem nichts gewusst haben.
Ich rauche meine Pfeife. Ich warte. Ich habe 1929 gewartet. Ich werde auch jetzt warten.
Der Unterschied ist: Diesmal schreibe ich vorher auf, was kommt.