Wenn die Maschine den Handschlag ersetzt
Sie nennen es Fortschritt. Sie nennen es immer Fortschritt, wenn es darum geht, Menschen loszuwerden, die unbequem werden könnten — solche, die nachfragen, die Akten ordnen, die zwischen den Zeilen lesen. Juha Majanen, finnischer Staatssekretär im Finanzministerium, nennt es ebenfalls Fortschritt, und was er sagt, klingt wie eine wohlgesetzte Todesanzeige: Bis 2031, so erklärte er der Helsingin Sanomat, werde der gesamte öffentliche Sektor Finnlands auf künstlicher Intelligenz basieren. Eine gemeinsame Plattform, gebaut für den Staat, die Gemeinden, die regionalen Gesundheitsbehörden — gebaut bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode. Auf daß das Wohlfahrtsmodell, wie es heißt, finanziell überlebensfähig bleibe.
Man muß den Männern in die Augen schauen, wenn sie solche Sätze sagen. Majanen lächelt nicht dabei, das muß man ihm zugutehalten. Er bestätigt es, nüchtern, beinahe beiläufig: Künstliche Intelligenz werde den Menschen im Wesentlichen ersetzen. Die Zahl der Arbeitsplatzverluste, fügt er hinzu, werde dadurch gemildert, daß keine neuen Mitarbeiter eingestellt würden, um jene zu ersetzen, die in Rente gehen. Eine elegante Arithmetik, nicht wahr? Man zählt die Abgänge, zählt die Nichteinstellungen, und am Ende der Rechnung steht die Erlösung: weniger Menschen, weniger Lohn, weniger Murren. Eine Maschine, die dieselben Aufgaben erlernt hat wie ihre Vorgänger, gehorsam, ortsunabhängig, ohne Gewerkschaft.
Ich habe in Genf gesessen, ich habe solche Verträge gesehen. Es waren nicht immer Verträge über Waffen — oft waren es Verträge über die Form, in der etwas nicht mehr stattfinden soll, und die schönste Erfindung der Bürokratie ist seit jeher die Sprache, die das Verschwinden als Erneuerung verkauft. Wer ersetzt wird, soll glauben, er sei entlastet. Wer entlassen wird, soll glauben, er sei befreit. Majanen sagt es offen: Viele Menschen im öffentlichen Dienst werden ihre Arbeit verlieren. Er sagt es, als spreche er über eine Wetterlage — nicht über einen Eingriff in das Gefüge einer Gesellschaft, die sich einst rühmte, Bildung und Gesundheit nicht dem Markt zu überlassen, sondern dem Staat anzuvertrauen, auf daß dieser sie gerecht verteile.
Was verschwindet, ist nicht die Bürokratie. Was verschwindet, ist der Mensch, der zwischen Bürger und Behörde steht. Die Sachbearbeiterin, die weiß, daß der alte Herr im dritten Stock seit drei Monaten keine Post mehr geöffnet hat. Der Beamte, der das Aktenzeichen erkennt, bevor er den Deckel hebt. Das sind keine Effizienzverluste, meine Damen und Herren — das sind Gedächtnisse, die ersetzt werden, und kein Modell, das die Handschuhe trägt, die ich trage, kann mir erklären, warum man glaubt, ein Gedächtnis lasse sich trainieren wie ein Hund.
Natürlich steht das Wort Produktivität in dem Satz, in dem es immer steht. Produktivität — die säkularisierte Form des Segens. Wer produktiv ist, wird behalten. Wer es nicht ist, wird fortoptimiert. Majanen spricht von der Sicherung der finanziellen Tragfähigkeit des Wohlfahrtsstaates, und er sagt das als Mann, der weiß, daß dieses Argument niemals geprüft wird, weil es als Selbstverständlichkeit daherkommt. Wir können uns die Menschen nicht mehr leisten, sagen die einen. Wir können uns die Menschen nicht mehr leisten, sagen die anderen, und sie meinen dasselbe.
Ich frage mich, wer trainiert diese Maschinen. Wer füttert sie mit den Daten jahrzehntelanger Verwaltungspraxis? Wer sitzt in den Konferenzräumen, wenn die Plattform konzipiert wird, wer schreibt das Pflichtenheft, wer legt fest, welche Auskunft künftig erteilt wird und welche nicht? Das ist der Vorhang, hinter den niemand blicken darf. Majanen spricht von Effizienz, von Sicherung, von der kommenden Legislaturperiode. Er spricht nicht von den Firmen, die den Auftrag erhalten werden. Er spricht nicht von den Menschen, die als Datenkuratoren arbeiten, schlecht bezahlt, befristet, häufig im außereuropäischen Ausland. Er spricht, das muß man ihm lassen, von dem, was gesagt werden darf — und verschweigt das, was nicht gesagt werden darf.
In Genf, das sage ich Ihnen, werden solche Entwicklungen vorbereitet, lange bevor sie angekündigt werden. Hier, in Helsinki, ist man nun so freundlich, sie offen anzukündigen. Majanen lächelt nicht, und gerade das macht mir Sorge. Wer beim Ersatz von Menschen nicht lächelt, der hat sich an den Gedanken längst gewöhnt. Wer beim Ersatz von Menschen nicht zögert, der hat die Probe aufs Exempel schon hinter sich. Es bleibt das Bild einer Regierung, die ihre Bürger zu Datenpunkten umschreibt, und einer künstlichen Intelligenz, die lächelt — wie die Männer, die ich in Genf über Verträgen sitzen sah, mit Handschlag und ohne Handschlag.
Man wird sagen, dies sei der Lauf der Dinge. Man wird sagen, jede Generation habe ihre Erschütterung gehabt. Aber ich erinnere mich, welche Generation welche Erschütterung hatte, und ich erinnere mich an die Gesichter derer, die sie überlebten. Es waren nicht die Gesichter der Maschinen.