Peter Thiels Tribunal: Wenn die Maschine über Wahrheit richtet
Die Drähte summen. Sie tragen eine Geschichte, die alt klingt und brandneu ist.
Aron D'Souza heißt der Mann, der sie verkauft. Oxford-Absolvent, Anwalt, Erfinder einer Plattform namens Objection. Er nennt das Ding ein "privates KI-Tribunal". Klingt nach Fortschritt. Ist es nicht. Es ist ein Schiedsgericht für Behauptungen aus den Medien — bevollmächtigt von einer künstlichen Intelligenz, die niemand zu Gesicht bekommt und deren Urteile niemand nachprüfen kann.
Die Plattform sollte klären, ob Joe Rogan tatsächlich Ivermectin als Covid-Heilmittel empfahl. Ob Bernie Sanders recht hat, wenn er Benjamin Netanjahu einen Kriegsverbrecher nennt. Fragen, die in Talkshows und auf Twitter seit Jahren toben. Eine Maschine soll sie richten.
Wer steht dahinter? Peter Thiel.
Der Name kommt nicht zufällig. D'Souza ist kein unbekannter Empfänger von Thiels Geld. Thiel finanzierte die Klage des Wrestlers Hulk Hogan gegen Gawker Media — und brachte das Magazin damit zu Fall. Ein reicher Mann, der einen unbequemen Verlag totklagt, weil der ihn einmal bloßstellte. So funktioniert Macht, wenn Geld die Klage führt und das Recht den Rest erledigt.
Nun also das Tribunal. Die Logik ist einfach: Wer Journalismus zerstören kann, kann ihn auch "reparieren". Thiels Geld, D'Souzas Stimme, eine KI als Richter. Die populistische Rhetorik liefert D'Souza gleich mit. Niemand sei glücklich mit dem Zustand des Journalismus, sagt er. Jemand müsse ihn strukturell reparieren.
Strukturell. Das Wort hat Gewicht in einem Mund, der sich an Thiels Tisch setzt.
Doch was hier repariert werden soll, ist nicht der Journalismus. Es ist die Deutungshoheit. Wer definiert, was eine wahrheitsgemäße Behauptung ist? Die Maschine? Welcher Algorithmus? Wer füttert sie? Wer kontrolliert die Trainingsdaten? Wer legt fest, welche Quellen primär sind — das neue Lieblingswort der Plattform nach ihrer überstürzten Schließung.
Objection verschwand Ende Mai. Kurz nachdem das Interview angefragt wurde. Hochkomplexe Kundenanfragen, sagt D'Souza. Zu viele. Man müsse umbauen. Die Seite, die bis dahin mit einer unheimlichen KI-animierten Frau Augenkontakt suchte, der nie ruhen wollte, trägt nun den Hinweis: "Wir bauen um für eine epistemische Zukunft mit Primärquellen."
Epistemische Zukunft. Ein schönes Wort für das, was am Ende wieder herauskommt: eine Blackbox, die entscheidet, was wahr ist, gesteuert von denselben Interessen, die schon Gawker begruben.
Man muss kein Ingenieur sein, um zu verstehen, was hier passiert. Eine Maschine, die nicht zeigt, wie sie urteilt. Ein Tribunal ohne Richtergesicht. Ein Verfahren, das jedem offenstehen soll, aber nur denjenigen nützt, die es bezahlen können. Thiels Geld öffnete schon einmal eine Tür — die zu Gawkers Leichentuch.
D'Souza ist mehrfach beschäftigt. Er klingelte jüngst die Börsenglocke für sein anderes Projekt, die Enhanced Games — eine Olympiade, die Doping erlaubt. Ein Mann, der Sportler unter Aufputschmitteln antreten lässt, will den Journalismus reparieren. Man darf das zu Ende denken.
Journalisten, sagt D'Souza, seien unterbezahlt. Wer an der Columbia Journalismus studiert und mit einer halben Million Dollar Schulden am Huffington Post für fünfzigtausend Dollar im Jahr schreibt, habe offenbar ein Problem. Sein Lösungsvorschlag: ein KI-Gericht, das ihre Arbeit bewertet. Bewertet von wem? Nach wessen Definition von Wahrheit?
Die Maschine, die nicht spricht. Die Plattform, die verschwindet, wenn man hinschaut. Der Anwalt, der die richtigen Sätze liefert. Der Milliardär im Hintergrund, der schon einmal bewiesen hat, dass er einen ganzen Verlag auslöschen kann, wenn er sich ärgert.
Das ist kein Tribunal. Das ist ein Manöver. Die Wahrheit, die hier gerichtet werden soll, ist keine Wahrheit — sie ist ein Produkt, verkauft an diejenigen, die es sich leisten können.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Ich übersetze weiter.