← Zurück zur Titelseite Politik

Die Karte und die Hundert Millionen

29. Juni 2026 — — — Kastner

Es gibt Sätze, die wie Handschuhe getragen werden — höflich, weich, und doch verbirgt sich darunter die ganze Hand. Als der Sprecher des Georgia-Repräsentantenhauses, Jon Burns, am Mittwoch vor das Kapitol trat und erklärte, weshalb seine Fraktion die von Gouverneur Brian Kemp geforderte Neuzeichnung der Wahlbezirke für 2028 ablehne, trug er einen solchen Satz vor: Man wolle die Sache auf „Georgia-Art" tun, „verantwortlich, transparent und mit ausreichender Gelegenheit zur öffentlichen Mitsprache". Es klingt, als erkläre ein Bankier, weshalb er den Tresor heute Abend nicht öffne: Man habe noch nicht die richtige Beleuchtung.

Hinter dieser höflichen Weigerung liegt eine Geometrie, die man kennen muss, um sie zu lesen. Im April fällte der Oberste Gerichtshof die Entscheidung Louisiana v. Callais und schwächte das Wahlrechtsgesetz dort, wo es um rassisch umrissene Wahlkreise geht. Damit eröffnete sich den Republikanern eine Möglichkeit, die sie seit Jahren ersehnt hatten: die Mehrheitsverhältnisse im Kongress 2028 nicht dem Wähler, sondern dem Lineal anzuvertrauen. Präsident Trump drängte. Kemp drängte. Beide wollten Bezirke neu gezeichnet sehen, in denen schwarze Wählerschaften bislang demokratische Mandate sichern.

Die Fraktionsführung aber sagte nein. Nicht aus Moral, sondern aus Rechnung. Burns und seine Leute wissen, was jeder Wahlstratege in Atlanta weiß: Wer jetzt die Karte verschiebt, weckt die Demokraten; wer schwarze Wählerschaften zerstreut, mobilisiert sie; wer die weißen, zunehmend liberalen Vororte Atlantas diffundiert, schenkt den Demokraten Wettbewerbsbezirke, die sie sonst nicht hätten. Es ist die alte Logik des Schachspiels — eine Figur, die nicht gezogen wird, weil sie den Gegner stärker machen könnte als den eigenen König.

Während man sich in Atlanta also entschied, die Hände im Schoß zu falten, spielten sich andernorts die eigentlichen Partien zu Ende. Primarwahlen am Dienstag, in Georgia und Alabama. Im Yellowhammer-Staat lieferte sich der Trump-endorsierte Kongressabgeordnete Barry Moore mit dem früheren Navy-SEAL-Schützen Jared Hudson eine Stichwahl um die Nachfolge von Senator Tommy Tuberville, der selbst — ohne Stichwahl — auf das Gouverneursrennen zusteuert. Moore holte 39,2 Prozent, Hudson 25,6. Doch Hudson schloss auf, weil Moors Lager nicht mehr wusste, wie es gegen „Stolen Valor"-Vorwürfe und gegen den Vorwurf kontern sollte, Moore sei „Washington". Aus Washington indes flossen über zehn Millionen Dollar, organisiert vom Club for Growth und von Komitees der Krypto-Industrie. Auf Moors Unterstützerliste vom Montag fehlte ein Name: Thune. Es sind die kleinen Auslassungen, die zeigen, wo ein Gebäude Risse hat.

Dann der Pfirsichstaat. Zwei Stichwahlen, beide nach demselben Drehbuch — Trump-Endorsement gegen einen Emporkömmling, der sich Trump leistet, aber nicht von Trump kommt. Im Gouverneursrennen Vizegouverneur Burt Jones, ein Mann mit langem Trump-Vertrauenskapital, gegen Rick Jackson, einen Milliardär, der über hundert Millionen Dollar seines Vermögens verbrannt hat, um den Sitz zu erobern. Es gibt keinen schöneren Beweis dafür, wie sehr Geld die Schwelle zur Politik gesenkt hat: Wer einst ein Heer brauchte, braucht heute nur ein Vermögen. Der Sieger trifft im November auf die ehemalige Bürgermeisterin von Atlanta, Keisha Lance Bottoms. Kemp, der amtierende Gouverneur, unterstützte Jones — nicht ohne daran zu erinnern, dass Trump und Kemp, einst zerstritten, neuerdings wieder freundlich verkehren. Es sind die Rituale der Versöhnung, die in Washington so sorgfältig gepflegt werden, weil sie beide Seiten überleben lassen.

Im Senatsrennen Georgias: Kongressabgeordneter Mike Collins gegen den früheren Football-Trainer Derek Dooley. Collins galt als klarer Favorit, und Trump, der das Endorsement routiniert wie einen letzten Trumpf im Kartenspiel einzusetzen weiß, gab seine Unterstützung erst am Wochenende vor der Wahl — nachdem die Umfragen Collins vorne sahen. Es ist die Endorsement-Ökonomie der späten Tage: Man setzt seinen Namen nur dort ein, wo er nicht ins Risiko fällt. Dooley wiederum wurde von Kemp selbst ins Rennen geschickt — ein Akt der Fürsorge für einen alten Verbündeten, der wenigstens die Bühne betreten durfte, auf der Collins bereits tanzt.

Der Sieger trifft im November auf Senator Jon Ossoff, dessen Ambitionen ins Weiße Haus reichen — 2028, falls die Konstellation es erlaubt. Ossoff hat in diesem Zyklus mehr gesammelt als jeder andere Amtsinhaber. Es gibt Karrieren, die mit Stift und Scheckbuch entworfen werden, bevor sie mit Reden begonnen werden. Sollte Ossoff Präsident oder Vizepräsident werden, müsste der nächste Gouverneur Georgias einen Nachfolger ernennen, bis eine Sonderwahl stattfände — ein Hebel, der in einem Senat mit hauchdünnen Mehrheiten die Kontrolle der Kammer entscheiden könnte. Solche Ketten bekommt man in Wahlkreisen nicht erklärt, weil sie zu lang sind.

Und am Rand, fast beiläufig: In Washington wird zum ersten Mal seit über einem Dutzend Jahren ein neuer Bürgermeister gewählt, und Eleanor Holmes Norton, die den nicht-stimmberechtigten Kongressdelegiertensitz sechsunddreißig Jahre lang hielt, tritt ab. Sechsunddreißig Jahre. Es gibt keine Macht, die sich nicht abnutzt — auch nicht die der bloßen Anwesenheit.

Man nehme diese Bilder zusammen — die verweigerte Karte, die hundert Millionen Dollar, das Endorsement am Wochenende, den Senator, der ein Auge auf das Weiße Haus wirft — und man erhält eine Architektur, die niemand zugibt entworfen zu haben. Trump sprach von einem „Goldenen Zeitalter". Burns sprach von Verantwortung. Jackson sprach von seinem Vermögen. Sie alle sprachen, als redeten sie über Verschiedenes, und redeten doch über dasselbe: über das Reservoir, aus dem geschöpft wird, wenn die Karten nicht ausreichen.

Wir haben das schon gesehen. In Räumen, in denen Verträge unterzeichnet und nicht eingehalten wurden. Die Hände, die unterschreiben, mögen andere sein. Die Handschuhe, die sie tragen, sind die gleichen.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite