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Die Befreiung, die ihre Fabrik nicht fand

29. Juni 2026 — — — E. Wolff

Sie nannten es einen Befreiungstag. April 2025, Rosengarten des Weißen Hauses, Kameras, ein Präsident mit großen Händen und größeren Worten. Die größte Zollerhöhung seit Jahrzehnten sollte Amerikas Industrie wieder zum Leben erwecken, Fabrikjobs zurückbringen, die Abhängigkeit von ausländischen Waren beenden. Heraus kam eine Quittung. Ich habe sie sortiert.

Vor mir liegen die Zahlen der Advancing American Freedom Foundation, zusammengetragen von Forschern, die niemandem etwas schulden außer der Mathematik. Richard Stern, Vizepräsident des Plymouth Institute for Free Enterprise, fasst das Ergebnis mit einer Ruhe zusammen, die im Kontext wie Hohn klingt. Mit einer Konfidenz von über 90 Prozent habe die Zollpolitik der amerikanischen Fertigung Stellen gekostet. Keine Mutmaßung. Ein Intervall.

Im ersten Jahr verlor das Manufacturing-Segment rund 75.000 Arbeitsplätze. Sechstausendzweihundertfünfzig pro Monat. Das ist die Branche, die man schützen wollte. Das ist die Branche, deren Vertreter im Kongress saßen und Beifall klatschten, als die Zollpapiere unterschrieben wurden. Beifall tilgt keine Hypothek. Beifall kauft keine Maschine.

Der Mechanismus ist so schlicht, dass man sich wundert, warum niemand darüber sprach, bevor er lief. Amerikanische Hersteller importieren Vorprodukte, Komponenten, Maschinen. Die Zölle trafen also nicht die Konkurrenz in Shenzhen oder Mexiko-Stadt. Sie trafen die eigene Wertschöpfungskette. Stern formuliert es ohne Ausschmückung: Die meisten Amerikaner, die importieren, sind amerikanische Unternehmen. Die Zölle wurden im Endeffekt eine Steuer auf die Hochwertfertigung in den USA. Eine Steuer, als nationale Tugend verkleidet. Eine Tugend, die in Bilanzen landet.

Die nationale Rechnung ist noch deprimierender. Die Forscher schätzen bis zu eine Million Arbeitsplätze weniger, als unter dem Trend vor den Zöllen zu erwarten gewesen wäre. Eine Million. Das ist keine Rundungsdifferenz in einem Konjunkturmodell. Das sind Städte. Das sind die Kleinstädte in Ohio, Pennsylvania, North Carolina, die man im Wahlkampf besuchte mit Fabrikfassaden im Hintergrund, die seit Jahrzehnten auf das nächste Wunder warten.

Und Washington? Washington verdiente.

Die Zolleinnahmen kletterten von 9,6 Milliarden Dollar im März 2025 auf 23,9 Milliarden im Mai. Bis zum Ende des Fiskaljahres 2025 summierten sie sich auf 215,2 Milliarden Dollar. Das Dreifache des Niveaus vor den Zöllen. Der Januar 2026 allein brachte 30,4 Milliarden, ein Plus von 242 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, in dem man noch 8,9 Milliarden eingenommen hatte.

Man darf diese Zahl einen Moment lang auf der Zunge zergehen lassen. Die Regierung erhöhte die Steuerlast auf die heimische Produktion, kassierte Rekordsummen, verlor gleichzeitig jene Arbeitsplätze, die zu retten sie versprochen hatte, und verlor am Ende auch vor dem Obersten Gerichtshof. Die Zölle wurden gekippt. Unternehmen verlangen nun Milliarden an Rückerstattungen. Die Befreiung endete vor Gericht, wie Befreiungen es oft tun.

Die Architektur ist kein Betriebsunfall. Sie ist ein Versprechen, das an die Maschine der politischen Mobilisierung angeschlossen wurde. Man verkaufte Zölle als Rückkehr der Fabrik. Was man verkaufte, war ein Symbol. Die Fabrik blieb Werbeplakat. Die Arbeiter, die dort stehen sollten, standen in einer anderen Schlange: bei der Arbeitsagentur, beim Sozialamt, beim Pfandleiher an der Ecke.

Stern und seine Mitautoren liefern keine Polemik. Sie liefern eine Schätzung mit Vertrauensintervall. Das ist grausamer als jede Polemik. Es bedeutet: Selbst wenn man die Zahlen konservativ liest, sind die Schäden real. Wer jetzt noch sagt, die Politik wirke nur verzögert, der sagt auch, der freie Fall aus dem zehnten Stock sei eine Frage der Perspektive. Der Boden kommt so oder so.

Die Pointe liegt in der Buchführung. Man besteuert die Inputs der eigenen Industrie und nennt es Befreiung. Man kassiert die Steuer auf der einen Seite der Bilanz und zeigt auf der anderen Seite die Beschäftigungskurve, die nach unten fällt. Man verspricht die Wiedergeburt einer Fertigung, die seit Jahrzehnten an Wettbewerbsfähigkeit, Ausbildung und Kapitalzugang krankt, und behandelt sie wie ein verdorrtes Beet, das nur den richtigen Dünger brauche. Der Dünger war eine Steuer. Das Beet blühte nicht auf.

215,2 Milliarden Dollar. 75.000 verlorene Industriearbeitsplätze. Bis zu eine Million fehlende Stellen insgesamt. Eine Studie, die das mit über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit sagt. Ein Präsident, der erklärt, ohne die Zölle wäre das Land zerstört. Ein Oberster Gerichtshof, der die Zölle kippt. Und eine Frage, die in keiner Pressekonferenz gestellt wird: Wohin floss das Geld, und wohin flossen die Menschen, die es bezahlen mussten?

Das ist der Stoff, aus dem die Tribune ihre Schlagzeilen schneidet. Keine Empörung. Nur die Buchhaltung.

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