Durchsucht für die Herkunft, angezeigt für alles andere
1937. Die Grenzen werden dichter. Ich zähle die Menschen davor.
Heute kein Café, kein Beratungsraum, keine Hand, die mir einen Zettel hinschiebt mit einer Frage, die kein Formular vorsieht. Heute ein Bildschirm und eine Recherche, die mich nicht loslässt. Ich habe sie zweimal gelesen, dann die Brille abgesetzt und gewartet, bis das Zittern nachlässt.
Deutschland durchsucht Handys und Computer von Menschen, die abgeschoben werden sollen. Das Gesetz erlaubt es — angeblich, um Herkunft oder Identität zu klären, wenn andere Mittel versagen. In vielen Bundesländern ist das längst Standard. Bayern, Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hessen, Niedersachsen: Überall sitzen Behörden, die Datenträger einziehen, die Geräte öffnen, die Chats lesen.
Die Stabsstelle Datenforensik in Essen. Drei Personen, die das tun, was früher ein Richter angeordnet hätte. Sieben Fälle im Jahr 2024, sechs im Jahr 2025 — offiziell. Das ist die Zahl, die die Stadt Essen auf Anfrage genannt hat. Was auf den Bildschirmen erscheint, wird nicht aussortiert. Es wird gemeldet. An die Polizei. An die Staatsanwaltschaft. An den Zoll. An die Finanzverwaltung.
Verdachtsmeldung, sagen sie. Zufallsfund, sagen sie. Das Wort, das Juristen benutzen, wenn Beweismittel ohne richterlichen Beschluss vom Boden aufgehoben werden. In Bayern, dem Landesamt für Rückführungen zufolge, zwölf solcher Meldungen in fünf Jahren. Die Sprecherin in Niedersachsen schreibt, wohin die Hinweise gehen: Polizei, Staatsanwaltschaft, Finanzverwaltung oder Zoll. Sie sagt auch, dass niemand zählt, wie oft es geschieht. Berlin, Hessen: dieselbe Lücke in der Statistik. Nur Hamburg meldet bislang keine Fälle.
Das Aufenthaltsrecht erlaubt die Durchsuchung. Es erlaubt sie zu einem Zweck: Herkunft klären. Angerufene Nummern, gespeicherte Dokumente, verwendete Sprachen — woran soll die Behörde sonst entscheiden, woher Sie kommen, wenn Ihr Pass in einem Verfahren verschwunden ist, das Sie nie zu Gesicht bekamen. So weit der Paragraf. So weit die weiße Weste.
Was auf dem Handy liegt, ist nicht nur die Herkunft. Es ist das Foto der Tochter, der Chat mit dem Cousin, die Sprachnachricht, in der jemand weint. Es ist die Erinnerung an ein Leben, das in eine Akte gezogen wird, bevor es das Land verlässt. Was auf dem Handy liegt, ist manchmal auch ein Verstoß, der mit der Reise nichts zu tun hat: eine alte Nachricht, ein Bild, das irgendwann irgendwo geteilt wurde, ein Link in einem Chatverlauf. Das alles wird zur Verdachtsmeldung. Das alles wandert in ein Verfahren, das mit dem Aufenthaltsrecht nichts zu tun hat.
Die Beispiele, die das Land NRW selbst öffentlich nennt: Fälle mutmaßlicher Kinderpornographie. Aufzeichnungen über Tötungen. Schwere Vorwürfe, zweifellos. Nur — für schwere Vorwürfe gibt es in diesem Staat eine eigene Spur. Einen Richter. Einen Beschluss. Einen Verteidiger. Eine Akte, die nicht nebenan auf einem Behördenrechner entsteht. Was hier passiert, ist etwas anderes: Die Straftat wird nicht trotz, sondern wegen der Abschiebung gefunden. Als Nebenprodukt einer Suche, die etwas anderes hätte suchen sollen.
Ich sage nicht, dass ein mutmaßlicher Missbrauch nicht verfolgt werden soll. Ich sage: Der Staat, der vorgibt, nur die Herkunft zu prüfen, tut an dieser Stelle zwei Dinge gleichzeitig. Er durchsucht, was er durchsuchen darf. Und er sammelt, was er nicht suchen durfte.
Es gibt keinen Richter, der vorher zusieht. Es gibt keinen Anwalt, der weiß, dass auf dem Bildschirm seines Mandanten etwas anderes liegt als die Wahrheit über die Heimat. Es gibt eine Stabsstelle, einen Forensik-Arbeitsplatz, eine Verdachtsmeldung, die den Vorgang der Abschiebung nicht weiter begleitet — sie läuft einfach nebenan. Mehrere Bundesländer haben inzwischen eigene Abteilungen für diese forensische Auswertung aufgebaut. Eine kleine Industrie, still, in Aktenordnern.
Das ist die Maschine, die gerade gebaut wird. Nicht laut, nicht auf der Pressekonferenz — in der Sprache der Verdachtsmeldungen und der Datenforensik. Eine Maschine, die den Menschen, der gehen muss, noch einmal durchsucht, bevor er geht. Nicht nach seinem Namen. Nach allem, was auf seinem Bildschirm liegt.
Ich schreibe das hier nicht, weil ich keine anderen Geschichten hätte. Ich schreibe das hier, weil die nächste Familie, die bei mir sitzt, mit hoher Wahrscheinlichkeit genau diesen Bildschirm schon abgegeben hat. Irgendwo in einem Amtsraum, in dem kein Anwalt wartet. Und niemand hat ihr gesagt, dass die Polizei vielleicht gerade liest.
Ich schreibe das hier, weil das, was hier als „Zufallsfund" bezeichnet wird, kein Zufall ist. Es ist das Nebenprodukt einer Suche, die weiter geht, als sie darf. Und weil jemand das einmal laut sagen muss.
Schweigen Sie nicht. Erzählen Sie es weiter.