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STEINKREIS UND SCHATTEN: Was die Sommersonnenwende verschluckt hat

29. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Vier Jahrtausende stehen die Steine in Derbyshire. Heiden stellten sie auf, als noch niemand wusste, was eine Zeitung ist. Jetzt liegt ein Mann zwischen ihnen, sechsundzwanzig Jahre alt. Ein anderer, einundvierzig, sitzt in Handschellen.

So lautet die Depesche. Mehr erfährt die Öffentlichkeit vorerst nicht.

Die Sonnenwende zieht sie an. Jedes Jahr strömen Tausende zu den Monumenten im Peak District, tanzen, beten, trinken, was auch immer der moderne Mensch unter Feier versteht. Eine Bronzezeit-Kulisse als Bühne für Gegenwartsmenschen. Beim Aufgang der Sonne am längsten Tag soll etwas geschehen — kommt darauf an, wen Sie fragen. Die einen nennen es Ritual. Die anderen nennen es Rausch.

Die Polizei hat ein Wort ausgewählt: „brutalste Weise". Es geistert durch die Drähte, ein Reporter wählt es, ein zweiter tippt es ab, am Ende druckt es die Insel nach. Das Wort ist bequem. Es füllt Spalten und leert den Kopf. Es bedeutet alles und nichts.

Hören Sie genauer hin, dann hören Sie das Summen hinter der Meldung.

Wer hat die Veranstaltungsgenehmigung erteilt? Wer kassiert die Parkgebühren, die Standmieten, die Eintrittsgelder? Wer versichert das Gelände, und unter welchen Bedingungen haftet er? Eine Sonnenwendfeier auf einem vorchristlichen Monument ist kein Picknick. Das ist eine Industrie geworden. Pilgerstätte als Geschäftsmodell, mit allem was dazugehört: Beschallung, Ausschank, Sicherheitsdienste, genehmigte und ungenehmigte Feuer.

Die Steine hielten viertausend Jahre. Sie hielten Römer, Sachsen, Normannen, die Auflösung der Klöster, die Mechanisierung der Landwirtschaft. Sie hielten Blitz und Frost und die Langeweile der Archäologen. Ob sie den nächsten Schwarm Feiernder überstehen, ist eine andere Frage.

Was ich auf den Drähten höre, ist eine Maschinerie. Nicht der Täter — die Maschinerie. Sie produziert Menschenmengen an Orten, die für Menschenmengen nicht gebaut wurden. Sie verkauft Heilung an Leute, die drei Tage später vor Gericht aussagen sollen. Sie liefert die Bühne, auf der das geschieht, was nun als Verbrechen verhandelt wird.

Fünfzehn Jahre liegen zwischen den beiden Männern. Sechsundzwanzig gegen Einundvierzig. Das ist keine Lappalie. Das ist ein ganzes Stück gemeinsamer Geschichte — Kneipen, Straßen, Freundschaften, Schulden, wer weiß das schon. Die Polizei schweigt dazu. Die Polizei schweigt immer dazu.

„Most brutal way" steht in den Agenturmeldungen. Klingt nach Mittelalter. Klingt nach Sonnenwendeopfer für die Klicks. Aber ein sechsundzwanzigjähriger Mann wird nicht von einem Ritual getötet. Er wird von einer einzelnen Hand getötet, mit einem einzelnen Werkzeug, an einem bestimmten Abend, aus einem einzelnen Grund. Der Grund ist noch nicht bekannt. Oder doch — und er wird nur noch nicht gesagt.

Die Anhörung steht aus. Die Beweislage ist unbekannt. Die Zeugenaussagen werden gesammelt. Was mich interessiert, ist nicht das Warum im juristischen Sinne. Mich interessiert, warum ein Steinkreis im Juni von tausend Fremden betreten werden darf, warum Alkohol ausgeschenkt wird auf heiligem Boden, und warum am Ende zwei Männer in Handschellen aufwachen, einer lebend, einer nicht.

Fragen Sie sich: Wer hat das erlaubt. Wer hat daran verdient. Wer trägt die Verantwortung, wenn die Sonne untergeht und die Steine wieder nur noch Steine sind, und ein Mensch weniger auf der Welt.

Ada Voss hört zu, wenn andere nur schreiben.

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