Die Bücher sind nicht im Lot — und das war nie Zufall
Man zeigt mir Zahlen und erwartet, dass ich nicke. Acht Jahre in der Handelskammer haben mich anderes gelehrt. Zahlen nicken nicht zurück. Sie lügen auch nicht von selbst — sie lassen sich lügen.
Es ist 1937. Die Krise hat ein neues Gesicht bekommen, aber dieselbe Hände. Wer 1929 wusste, was kommt, hat nicht geschwiegen aus Dummheit. Er hat geschwiegen, weil das Sprechen teuer wird, wenn die Falschen zuhören. Ich habe geredet. Ich habe Bilanzen gesehen, bevor sie frisiert wurden. Ich habe in Sitzungen gesessen, in denen Männer in Nadelstreifen sich gegenseitig erklärten, warum der Gürtel enger müsse, während ihre eigenen Tafelbergungen längst an der Küste lagen. Niemand wollte zuhören. Niemand wollte verstehen. Verstehen hätte bedeutet, Verantwortung zu tragen. Verantwortung ist in diesen Kreisen ein Schimpfwort.
Heute nun, da die Maschine wieder stottert, soll ich berichten, was die Bilanzen erzählen. Sie erzählen viel, wenn man sie lesen kann wie einen Tatort.
Eine Bilanz, die nicht ausgeglichen ist, ist kein Rechenfehler. Sie ist ein Geständnis. Links die Aktiva — was man hat. Rechts die Passiva — was man schuldet. In der Mitte, zwischen beiden Spalten, steht unausgesprochen die Frage: Wer bezahlt die Differenz. In den Räumen, in denen ich ein- und ausgegangen bin, wurde diese Frage nie gestellt. Sie wurde umgangen. Sie wurde verschoben. Sie wurde in Fußnoten versteckt, in Anhänge ausgelagert, in Tochtergesellschaften geparkt. Wer eine Bilanz nicht ausgleichen kann, der gliedert aus. Wer nicht ausgleichen will, der gründet.
Es ist kein Versehen, wenn Posten, die früher in der Hauptbilanz standen, plötzlich in Konstrukten am Rand der Buchführung verschwinden. Es ist ein Verfahren. Es hat Namen, die wie Bürokratie klingen und wie Beihilfe zur Täuschung wirken. Sonderposten. Rückstellungen. Wertberichtigungen. Jeder dieser Begriffe ist ein kleiner Sarg für eine unbequeme Wahrheit. Man legt etwas hinein, schließt den Deckel und schreibt Außenstehenden einen sauberen Saldo vor.
Wer profitiert. Nicht die, deren Namen in den Büchern stehen. Die sind Statisten. Profiteur ist, wer die Bücher gar nicht erst vorzeigen muss. Die Handelskammern sind voll von ihnen — Männer, die reden, als sprächen sie für ein Kollektiv, und deren Privatbilanzen auf Konten in Zonen liegen, in denen kein Prüfer Einlass findet. Sie reden von Vertrauen. Sie reden von Kredit. Sie reden von der Disziplin des Marktes, während sie selbst jeden Dispens genießen, den die Disziplin hergibt.
1937 ist nicht 1929. Aber dieselben Hände, die damals die Hebel bedienten, sitzen wieder an den Schaltern. Sie sind nicht dümmer geworden. Sie sind vorsichtiger geworden. Sie haben aus dem damaligen Zusammenbruch eines gelernt: dass man die Schieflage nicht verhindern muss, wenn man sie nur rechtzeitig unsichtbar machen kann. Unsichtbarkeit ist die neue Bilanz. Sie gleicht sich von selbst aus — auf Kosten derer, die später nachrechnen.
Man hat mir damals nicht geglaubt, als ich warnte. Man hat mir nicht geglaubt, weil das Warnen unbequem war. Eine Warnung ist ein Angebot zur Umkehr. Umkehr ist für jene ein Geschäft, die auf dem bisherigen Weg investiert haben. Sie kämpfen nicht mit Argumenten, sondern mit Verzögerung. Sie sagen: noch. Sie sagen: abwarten. Sie sagen: die Lage ist komplex. Komplex ist das Lieblingswort derer, die einfache Wahrheiten nicht hören wollen.
Die einfache Wahrheit: Wenn die Bücher unausgeglichen sind, ist die Welt es auch. Wenn die Hauptbücher Beträge ausweisen, die nicht gedeckt sind, dann trägt irgendjemand diese Deckungslücke auf seinem Rücken. Es sind nicht die Männer mit den Nadelstreifen. Es sind jene, die am Monatsende rechnen müssen, ob das Geld für die Miete reicht. Es sind jene, die keine Buchhalter bezahlen, um die Wahrheit zu biegen. Es sind jene, deren Bilanz wöchentlich von der Bäuerin, dem Krämer, dem Vermieter geschlossen wird — und zwar unwiderruflich.
Die Handelskammer lehrt mich derzeit wieder dasselbe wie damals. Die Sitzungen sind dieselben. Die Reden sind länger geworden, die Pausen kürzer. Die Argumente sind dieselben geblieben, nur die Folien sind bunter. Unter den Folien schlummert dasselbe Misstrauen gegenüber jenen, die nicht mit am Tisch sitzen. Wer nicht mit am Tisch sitzt, wird auf der Speisekarte serviert.
Wenn Sie das nächste Mal eine Bilanz vorgelegt bekommen, die ausgeglichen ist, fragen Sie nicht, wie sie ausgeglichen wurde. Fragen Sie, wer das Ausgleichen bezahlt hat. Sie werden keine Antwort bekommen. Das Schweigen ist die Bilanz der anderen Seite.
Ich rauche meine Pfeife. Die Glut bewegt sich nicht. Die Zahlen in den Akten bewegen sich auch nicht. Aber ich weiß, dass irgendwo jemand die nächste Sitzung vorbereitet, in der man sich gegenseitig versichert, dass alles im Lot sei. Es war nie im Lot. Es wird nicht im Lot sein. Es ist nur eine Frage der Verschönerung.
Man nennt mich Pessimisten. Ich nenne mich einen Mann, der zweimal addiert hat.