Hauptstadt wird leer: Wolfsburg streicht vier Werke und 100.000
Die Bücher sind nicht ausgeglichen und das war nie ein Versehen. In Wolfsburg, das sie intern Hauptstadt nennen — als ruhe über dem Werk die Würde einer alten Republik —, hat Vorstandschef Oliver Blume diese Woche seine engsten Manager zusammengerufen. Was er ihnen vorlegte, war keine Strategie. Es war eine Rechnung. Die Endsumme: bis zu 100.000 Arbeitsplätze. Vier Werke am Rand der Schließung, darunter Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm. Auch das Manager Magazin berichtet über den Radikalumbau. Deutschland, der Autokontinent, soll bluten, weil ein Kontinent weiter östlich seine Finger von einem Hersteller lässt, der zu lange träumte.
100.000. Das ist keine Zahl. Das ist eine Kleinstadt. Das ist rund jeder siebte Arbeitsplatz eines Konzerns, der weltweit 650.000 Menschen beschäftigt. „Bis zu 100.000" — in der Sprache der Bilanzen bedeutet „bis zu": alle.
Bevor die Männer in Nadelstreifen den Raum wieder verließen, mussten sie unterschreiben. Papier auf den Tisch, Kugelschreiber, Prüfung der Unterlagen — so berichten es Beteiligte. Sie mussten unterschreiben, dass sie hinter den Plänen des Vorstands stehen. „Das ist ein sehr ungewöhnlicher Schritt", sagt einer der Unterzeichner. Ich übersetze: Es ist der Schritt eines Unternehmens, das ahnt, dass das, was es hier gerade tut, einer späteren Prüfung vielleicht nicht standhält. Wer so unterschreibt, bindet sich selbst an den Henker. Wer nicht unterschreibt, ist morgen schon nicht mehr bei der Sache. Was hier besiegelt wird, ist nicht Loyalität. Es ist Mithaftung.
Vier Werke. Emden, wo Passat und Arteon vom Band liefen, obwohl jeder wusste, dass die Welt vom Passat längst nichts mehr wissen will. Zwickau, einst Stolz der Elektro-Wende, jetzt Mahnmal, weil die Wende selbst zu früh kam und zu teuer war. Hannover, wo die Transporter gebaut werden, die niemand mehr bestellt. Neckarsulm, Audi, eine Hochburg der Ingenieurskunst, die heute auf der Kippe steht. Vier Namen, vier Schicksale, vier Städte, die nach der Schließung erleben werden, was die Börsenleute in Frankfurt gern „strukturelle Bereinigung" nennen. Auf der Straße heißt das: Wirt hat zu. Kegelclub löst sich auf. Der Sohn kommt nicht zurück.
„Klar ist bei dem Ausmaß, dass es nicht ohne betriebsbedingte Kündigungen gehen wird", sagt ein hochrangiger Manager. In diesen 100.000 sind die bereits geplanten 50.000 des alten Programms längst eingerechnet. Es ist also kein Sparkurs mehr. Es ist ein Aderlass.
Selbstverschuldet. Der Einbruch in China, das langsame Elektrifizieren, das träge Digitalisieren. Wer den Markt verliert, der nicht stillsteht, der steht nicht still — der fällt. Die Wolfsburger haben den Stern am Kühler zu lange poliert, während in Shenzhen ein anderes Auto gebaut wurde: billiger, schneller, hungriger. Blume hat Bundeskanzler Friedrich Merz informiert. Er habe, so heißt es im Umfeld des Kanzleramts, davon gesprochen, dass der Konzern in Gänze gefährdet sei. Acht Silben. Sie heißen: Wenn die Politik jetzt nicht hilft, steht hier bald eine Leiche, an deren Versorgung die Kassen aller Länder noch jahrzehntelang mitverdienen wollten.
Am 9. Juli soll der Aufsichtsrat entscheiden. Eine Sitzung, ein Aufwasch. Die Kernmarke VW soll verselbstständigt werden, unter einer Holding gemeinsam mit Audi, Porsche und Traton — gleichberechtigt, heißt es aus den Kreisen. Die Sonderrolle der Kernmarke, geboren aus der Nachkriegszeit, gezähmt durch das Land Niedersachsen als zweitgrößtem Aktionär — all das wird beerdigt. Was hier stirbt, ist ein Stück Sozialgeschichte des Westens. Was hier geboren wird, ist eine Holding, wie sie das angelsächsische Kapital seit fünfzig Jahren kennt: schlank, kalt, kündigungsfreudig.
IG Metall wehrt sich. Niedersachsen wehrt sich. Das wird nicht reichen. Was ein Aufsichtsrat in einer solchen Sitzung absegnet, ist kein Vorschlag mehr. Es ist eine Tatsache, die nur noch ihren Stempel braucht. Der Sprecher des Unternehmens verwies auf das schwierige Marktumfeld und lehnte einen Kommentar ab. Zuständige Gremien, hieß es. So klingt es, wenn jemand einen Abgrund mit Bürokratie zuklebt.
Die Pfeife glimmt. Draußen liegen die Fabriken. Noch laufen die Maschinen — noch. Aber jeder, der dort arbeitet, kennt den Wert einer Unterschrift, wenn sie gegen die eigene Existenz gerichtet ist. Wolfsburg hat in dieser Woche keine Strategie vorgelegt. Wolfsburg hat eine Streichliste unterzeichnet. Der Bleistift war lang, das Papier weiß, und nicht alle Namen stehen schon drauf.