Asche, Schweigen, Kontoauszug
Die Nachricht ging schnell. Europas größter Vulkan, der Ätna auf Sizilien, hat wieder Feuer gespien. Lava floss. Asche fiel über Catania. Bauern verloren ihre Felder. Familien flohen mit dem, was sie tragen konnten. So weit das Telegramm. So weit das, was die Druckerpressen füllen durften.
Aber Telegramme lügen nicht durch das, was sie sagen. Sie lügen durch das, was sie weglassen.
Sie sprechen vom Feuer des Berges. Sie schweigen über die Glut, die in den Tresoren der Insel seit Jahren schwelt. Denn jeder Ausbruch ist ein Geschäft. Nicht sofort — sofort ist das Chaos, das die Schlagzeilen füllt. Aber danach. Wenn die Lava erstarrt. Wenn die Asche sich setzt. Wenn die Bauern auf schwarzem Boden stehen und nicht mehr wissen, ob das, was darunter liegt, ihnen noch gehört.
Sizilien im Jahr neunzehnhundertsiebenunddreißig. Der Staat kontrolliert die Minen, die Häfen, die Druckerpressen, die Zollhäuser, die Banken, die Schulen. Was er nicht kontrolliert, sind die Verträge, die in den Stunden nach einem Ausbruch in den Hinterzimmern der Notare unterschrieben werden. Leise. Auf Briefpapier, das nach nichts riecht. Von Händen, die nach Tinte riechen.
Denn die Lava schreibt nicht nur das Land neu. Sie schreibt die Besitzverhältnisse neu.
Wer gestern Bauer auf zwanzig Hektar war, ist morgen Pächter auf fünf. Wer gestern Eigentümer war, ist morgen Schuldner des Wiederaufbaufonds. Wer Schuldner ist, der verkauft. Wer verkauft, der kauft nicht zurück. Die Maschine läuft. Sie hat keinen Namen, keine Feinde, keine Adresse. Sie hat nur Bilanzen, die am Quartalsende stimmen müssen — und Notare, die sie in saubere Akten heften.
Die Vulkanerde ist fruchtbar. Das weiß jedes Kind auf der Insel. Die Mandarinen, die Zitronen, der Wein, der hier wächst, schmeckt nach Mineralien, nach alter Hitze, nach dem, was der Berg vor Jahrtausenden ausgespien hat. Aber wer das Recht bekommt, diese Erde nach dem Ausbruch zu bestellen — das steht nicht in den Zeitungen. Das steht in Grundbüchern, die in den Wochen nach einer Katastrophe besonders viele neue Eintragungen bekommen. Jede Eintragung ein Tausch. Jeder Tausch ein Verlust. Jeder Verlust eine Stille, die niemand hört.
Im Hinterland, dort wo der Schwefel aus den Stollen gekratzt wurde, liegen die Minen heute stiller als früher. Einst kam ein Großteil der Weltproduktion von hier. Dann kamen die anderen mit billigeren Verfahren, und das Geschäft wurde dünn. Aber wer eine Mine besitzt, besitzt auch die Möglichkeit, eine Beschädigung durch Aschefall geltend zu machen. Entschädigung. Modernisierung. Subvention. Das Papier dazu wird in Rom gedruckt. Die Unterschrift kommt aus Catania.
Asche fällt. Asche wird gezählt. Asche wird zu Geld.
Der Mann im Nadelstreifen — und davon gibt es auf dieser Insel mehr, als die Sonne verdient — wird Ihnen erklären, dass eine Naturkatastrophe nun einmal eine Naturkatastrophe sei. Dass man nichts machen könne. Dass die Versicherung zahle, der Staat helfe, die Kirche bete. Dass das alles halt so sei. Dass die Natur ihre eigenen Gesetze habe.
Was er Ihnen nicht erklärt: dass die Höhe der Entschädigung nie zufällig ist. Dass die Verteilung der Hilfsgüter nie gerecht ist. Dass die Listen der Geschädigten nie vollständig sind — denn die Unvollständigen haben keine Stimme, die laut genug wäre. Sie haben kein Büro. Sie haben keinen Notar. Sie haben nur die Asche auf den Schultern und die Aussicht auf ein neues Leben als Pächter ihrer eigenen Felder.
Es gibt sie, die Mechanik der Verwertung. Sie trägt keinen Namen. Sie braucht keinen. Sie funktioniert auch ohne Bekenntnis, ohne Fahne, ohne Parole. Sie funktioniert, weil die Verzweiflung ein zuverlässiger Vertragspartner ist.
In Catania räumen sie jetzt die Trümmer. Die Laternen brennen wieder. Die Kinder gehen zurück in die Schulen, die noch stehen. Die Fischer fahren wieder raus, obwohl die Häfen halb verschüttet sind. Das Leben geht weiter, sagen die Leute.
Das Leben geht weiter. Aber wessen Leben — das ist die Frage, die kein Reporter stellt, weil die Antwort zu unbequem wäre für die Herren, die die Inserate bezahlen.
Der Ätna wird wieder ruhig werden. Er ist alt darin. Er hat in den letzten hundert Jahren oft genug gebrannt und ist oft genug verstummt. Aber was unter seiner Asche wächst — Verträge, Hypotheken, neue Grenzen, neues Schweigen — das wächst weiter. Auch wenn die Kameras längst woanders hinsehen. Auch wenn die Druckerpressen längst anderes drucken.
Ich rauche meine Pfeife. Langsam. Und schaue auf die Landkarte von Sizilien. Dreieckig. Wie eine Bilanz, die niemand prüft.