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SCHATTEN ÜBER BELARUS: Kreml erfindet Souveränität, um Krieg zu verlängern

29. Juni 2026 — — Morrison, over and out.

Der Regen trommelt heute leiser als sonst auf das Blechdach der Redaktion. Evelyn singt unten im Café etwas von verlorenen Kriegen. Passt. Passt alles.

Dmitri Peskow sitzt vor seinen Kameras, faltet die Hände und spricht das große Wort aus: Souveränität. Die Souveränität Weißrusslands. Die des engsten Verbündeten Russlands. Ein Land, das taktische Atomwaffen Moskaus beherbergt. Ein Land, durch dessen Territorium russische Panzer im Februar 2022 in die Ukraine rollten. Ein Land, das seither als Aufmarschbasis dient, als Logistikdrehscheibe, als Reserverad der russischen Kriegsmaschine.

Und jetzt, sagt Peskow, bedroht Kiew diese Souveränität. „Völlig aggressiv", sagt er. „Ein Eingriff in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates." Man höre und staune.

Was war geschehen? Wolodymyr Selenskyj hatte Minsk eine Woche gegeben. Sieben Tage, um Signalrelaisstationen zu entfernen — jene Geräte, die nach Kiewer Lesart russische Angriffe auf ukrainische Städte lenken. Sieben Tage, dann, so die Drohung, werde man selbst handeln. Eine Frist, wie sie jeder Hafenkapitän einem Schmuggler setzt, der nachts die falschen Lichter setzt.

Peskow antwortet im Tonfall eines Mannes, der gleichzeitig empört und ertappt klingt. Empört über die „Aggression". Ertappt, weil das Argument zu glatt sitzt. Zu einstudiert. Zu sehr nach jenem Drehbuch, das der Kreml seit Jahren für jede Krise bereithält: das Drehbuch der verletzten Würde, der bedrohten Grenze, der verratenen Bruderstaaten.

Man darf sich die Mechanik ansehen. Russland wirft der Ukraine vor, die Souveränität Weißrusslands zu bedrohen. Gleichzeitig benutzt Russland weißrussisches Territorium, um ukrainische Infrastruktur zu zerstören. Gleichzeitig lagern in Weißrussland russische Atomwaffen, deren Einsatzdoktrin in Moskau geschrieben wird. Gleichzeitig hat Alexander Lukaschenko, der „starke Mann" von Minsk, keine eigene Stimme in diesem Krieg — er ist Statist in einem Stück, dessen Regie im Kreml sitzt.

Das ist keine Souveränität. Das ist eine Choreografie.

Die Sache mit den Relaisstationen ist der Stein des Anstoßes. Selenskyjs Vorwurf wiegt schwer: Minsk duldet — oder ermöglicht — die Steuerung russischer Angriffe. Lukaschenko hat sieben Tage, das zu unterbinden. Was er nicht tun wird. Was er nicht tun kann, ohne seinen großen Bruder zu brüskieren. Was er nicht tun wird, weil die Alternative — ukrainische Vergeltung — die einzige Sprache ist, die Minsk jetzt noch versteht.

Peskow versichert der Welt, Weißrussland sei „zweifellos in der Lage, seine Souveränität zu schützen". Ein Satz wie aus einem Theaterstück von 1937. Oder von gestern. Die Frage ist nur: wovor? Vor Kiew? Oder vor dem, was Selenskyj in seiner Frist bereits angedeutet hat?

Was Selenskyj getan hat, war kalkuliert. Er hat die Maske gelüftet. Er hat die Woche nicht als Ultimatum gesetzt, sondern als Bühne. Sieben Tage, in denen die Welt sehen kann, wie Minsk reagiert. Sieben Tage, in denen Lukaschenko zeigen muss, ob er Herr im eigenen Haus ist oder bloß Hausmeister im Haus des Kremls.

Putin und Lukaschenko, heißt es aus Moskau, werden sich „in absehbarer Zukunft" beraten. Man darf sich das Gespräch vorstellen: zwei Männer an einem langen Tisch, schwere Gesichter, leichte Hände. Einer diktiert. Der andere nickt. So war es immer. So wird es bleiben.

Die Ironie dieser Woche wird in den Geschichtsbüchern stehen, falls es noch welche gibt, die das aufschreiben. Russland beschwert sich über die Verletzung weißrussischer Souveränität durch die Ukraine. Gleichzeitig ist es Russland, das die Souveränität Weißrusslands längst einkassiert hat. Die Klage ist das Eingeständnis. Die Empörung ist die Beweislast.

Minsk, 22. Juni. Während ich das hier tippe, fällt das Licht der Straßenlaternen auf nasses Kopfsteinpflaster. Evelyn singt noch immer. Es klingt nach Abschied.

Und irgendwo zwischen hier und dem östlichen Horizont laufen sieben Tage ab.

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