Hundert Jahre für ein Feuerwerk
Man muß den Männern, die Urteile schreiben, nicht in die Augen schauen. Man muß nur zählen. Hundert Jahre. Fünfzig. Siebzig. Die Zahlen stehen da wie auf einer Rechnung, die jemand präsentiert, der weiß, daß der andere zahlen muß. Es ist die alte Sprache. Ich kenne sie. Ich habe in Genf gesessen, als sie über Grenzlinien gesprochen wurde, über Pufferzonen, über das, was man „Sicherheit" nennt, wenn man „Gehorsam" meint.
Am vierten Juli 2025 versammelten sich in den späten Stunden neun Menschen vor einer Haftanstalt der Einwanderungsbehörde ICE in Prairiland, südlich von Fort Worth, Texas. Sie brachten Feuerwerkskörper mit. Sie wollten Lärm machen für jene, die hinter den Mauern saßen – eine Klangdemonstration der Solidarität, nicht mehr. Was dann geschah, gehört zu jenen Momenten, in denen sich die Grenze zwischen Absicht und Tat auflöst wie Tinte in Wasser: Einige der Demonstrierenden brachen spontan aus der Gruppe aus, beschädigten Fahrzeuge auf dem Parkplatz, einen Wachposten, zerschlitzten Reifen an einem Behördenfahrzeug, zertrümmerten eine Überwachungskamera.
Als ein Polizeibeamter eintraf und seine Waffe zog, feuerte Benjamin Song mit einem Gewehr und traf den Beamten an der Schulter. Der Beamte überlebte.
Das war die Tat. Sie war dumm, sie war gewalttätig, sie war ein Fehler. Was dann folgte, war kein Urteil. Es war eine Algebra.
Nach einem dreiwöchigen Geschworenenprozeß wurden im März alle neun Angeklagten verurteilt. Song erhielt hundert Jahre – wegen versuchten Mordes an einem Bundesbeamten, Waffen- und Sprengstoffdelikten, Aufruhr und, man schreibt es nicht ohne Würgen: „Werbung für eine ausländische terroristische Vereinigung". Er hätte zwischen zwanzig Jahren und lebenslänglich erwarten können. Stattdessen bekam er beides, zusammengezählt und noch einmal verdoppelt.
Zachary Evetts, Autumn Hill, Savanna Batten, Elizabeth Soto und Meagan Morris: je fünfzig Jahre. Maricela Rueda: siebzig. Alle sechs verurteilt wegen Aufruhr, der Bereitstellung materieller Unterstützung für Terrorismus und Sprengstoffdelikten. Rueda zusätzlich wegen des Verdeckens eines Dokuments. Evetts, Hill, Morris und Rueda jedoch wurden freigesprochen von versuchtem Mord und Waffendelikten – eine Fußnote, die in keiner Schlagzeile steht.
Barbara McQuade, ehemalige Bundesstaatsanwältin für den östlichen Bezirk von Michigan unter Präsident Obama, nannte die Strafen „ungewöhnlich lang". In normalen Verfahren, schrieb sie, würden Richter für getrennte Anklagepunkte gleichzeitig und nicht nacheinander verurteilen. Man hätte fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahre erwartet. Statt dessen: fünfzig bis hundert. Die Sätze wurden aufeinandergestapelt wie Gewehre in einem Arsenal.
Und hier, verehrte Leserinnen und Leser, wird es interessant. Denn die Mathematik dieses Urteils ist keine Rechtswissenschaft. Sie ist ein Signal. Was hier stattfand, war kein Rechtsakt; es war eine Mitteilung an alle, die noch glauben, daß Lärm – auch symbolischer Lärm, auch Feuerwerk vor einer Mauer – ein politisches Instrument sei. Die Antwort des Staates lautet: Wenn du an unsere Türe klopfst, kaufen wir dein ganzes Leben.
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte: Der stellvertretende Direktor für Öffentlichkeitsarbeit des FBI, ein gewisser Ben Williamsom, twitterte die Fahndungsfotos, als kehre ein Angler vom Fang zurück. „8 ANTIFA-Mitglieder", schrieb er, „einschließlich des Rädelsführers, der zu 100 Jahren verurteilt wurde." Man sieht den Wimpel. Man sieht die Trophäe. Man sieht die Sprache, die nicht mehr verbergen kann, was sie meint.
Die Angeklagten waren keine „Mitglieder" einer Organisation. Sie waren Demonstrierende. Aber Sprache ist eine Waffe, und im Sommer 2025 wird sie in Texas ohne Handschuhe abgefeuert.
Was mich an dieser Geschichte beunruhigt – nicht empört, denn Empörung ist ein Luxus, den ich mir seit Genf nicht mehr leiste –, ist die Stille. Liberale und selbst linke Kritiker der Trump-Administration 2.0 haben diesen Fall mit einer Wegwendung behandelt, die beleidigender ist als das Urteil selbst: Sie schauten fort. Die elektronischen Felder brennen an anderen Fronten, die Künstliche Intelligenz verschlingt die Schlagzeilen, die Wahlkämpfe produzieren ihre eigenen Dramen. Aber hier, in einem Bundesgericht in Texas, hat der Staat ebenjenen Menschen, die gegen seine Grausamkeit protestierten, den Rest ihres Lebens genommen. Nicht weil sie mörderisch waren. Sondern weil sie laut waren.
Wenn ein Richter Sätze stapelt, die normalerweise gleichzeitig verhängt werden, und sie nacheinander verteilt, dann folgt er nicht dem Recht. Dann folgt er einem Auftrag. Wenn ein FBI-Sprecher Fahndungsfotos verschickt wie ein Mann, der vom Angelausflug zurückkehrt, dann ist das Verfahren keine Justiz mehr. Dann ist es ein Fresko, gemalt zur Abschreckung – öffentlich, gut sichtbar, mit den Initialen der Macht in der unteren rechten Ecke.
Wir, die wir noch lesen, sollten begreifen: Die Welt spielt 1937 wieder Schach. Und die Figuren, die wir für Bauern hielten, schauen längst in die Augen jener, die das Brett verschieben.