Lappenrantas Hakenkreuz — die Spur nach Leningrad
Ein Mann hisst die Hakenkreuzflagge vor seinem Haus in Lappeenranta, Ostfinnland, im Schatten der russischen Grenze. An der Außenmauer ein überdimensionales Konterfei des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera. Daneben, in russischer Schrift, antimoskowitischer Text. Niemand behauptet, das sei der Geschmack eines verwirrten alten Hobbygärtners. Aber die Frage drängt sich auf: Wie groß ist der Zufall, der hier so täuschend echt aussieht wie das Drehbuch aus Moskau?
Regen steht über dem Saimaa-See, Evelyn unten im Café singt etwas Russisches, das nicht nach Russland klingt. Auf dem Schreibtisch liegen die Akten der finnischen Digital- und Bevölkerungsbehörde DVV. Schwarz auf weiß: Der Mann wurde 1969 in Leningrad geboren — der Stadt, die heute Sankt Petersburg heißt, der Wiege der Oktoberrevolution, dem zweiten Herz des Imperiums. 1991, im Jahr des Zerfalls der Sowjetunion, lässt er seinen russischen Nachnamen gegen einen finnisch klingenden tauschen. Ein Jahr später den Vornamen. Seit 1996 lebt er in Lappeenranta. Seit 2000 ist er finnischer Staatsbürger. Ein Namenswechsel im Jahr eins. Ein Pass im Jahr null der neuen Föderation in Moskau.
Er selbst sagt: Keine russischen Papiere. Defektiert aus der Sowjetunion Anfang der Neunziger. Ingrische und jüdische Wurzeln. Verwandte in der Ukraine. Eine rührende Familiensaga — gerade so, dass jeder Staatsschützer im Ostseeraum sie mit der Lupe lesen möchte.
Denn was an diesem Gartenzaun hängt, ist keine private Erinnerung. Hakenkreuz, Banderas Konterfei, russischer Antimoskau-Text — das ist Bild für Bild jenes Sujet, das Moskau seit Jahren in die Kameras und Köpfe der Welt trägt: die „ukrainische Nazifizierung", das „braune Helsinki", die Befreiungstat. Wer das Drehbuch kennt, sieht die Choreografie. Professorin Katri Pynnöniemi von der Universität Helsinki, Inhaberin des Mannerheim-Lehrstuhls für Russische Sicherheitsstudien, will sich zum konkreten Mann nicht äußern. Zum Mechanismus ist sie klar: Russland habe seit der Annexion der Krim 2014, verstärkt seit dem Angriffskrieg 2022, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg systematisch als Waffe der Informationsbeeinflussung aktiviert. Die Verknüpfung der ukrainischen Widerstandsbewegung mit dem Nationalsozialismus sei „ein wichtiger Bestandteil der Rechtfertigung des russischen Angriffskriegs".
Also gut, nennen wir das Kind beim Namen. Wer in Finnland, an der russischen Grenze, ein Hakenkreuz hisst und gleichzeitig Bandera porträtiert — mit russischem Text daneben —, der liefert Moskau ein Steilwandbild. Genau jenes Bild, das Wladimir Putin am 24. Februar 2022 als Kriegsgrund aufrief: die Befreiung der Ukraine vom „Nazismus". Genau jenes Bild, das heute in die Propagandaschleifen rutscht, wenn Helsinki Kiew Waffen liefert und Moskau darauf erzürnt reagiert. Finnland, 1941 bis 1944 Kriegsgefährte Nazi-Deutschlands — ein dankbares Sujet für jeden Drehbuchautor im Kreml.
Die befragten Expertinnen und Experten wählen die vorsichtige Formulierung: Die Aktion weise „Merkmale typischer russischer Informationsbeeinflussung" auf. Das ist die feine Trennlinie zwischen einem Geschmacksvergehen und einer Operation. Ob Agent, nützlicher Idiot, verwirrter Aktivist mit Hang zum morbiden Symbolkitsch — das werden die finnischen Behörden zu klären haben. Geklärt ist bereits die Mechanik.
Was bleibt auf dem Schreibtisch zurück? Ein Foto aus Lappeenranta, das in Helsinki, Brüssel, Washington neue Fragen aufwirft. Und der alte Satz, so alt wie die Spielchen im Kolosseum: Wer die Maske des Feindes aufsetzt, darf sich nicht wundern, wenn man ihm die Handschellen umlegt — statt der Hand.