Achtundachtzig Prozent vom europäischen Traum
Manche Zahlen sind höflicher als die Wirklichkeit, die sie vermessen sollen. Achtundachtzig — so lautet seit diesem Sommer der Anteil, mit dem Polens Haushalte am EU-Durchschnitt des sogenannten Actual Individual Consumption teilhaben, jener Kennziffer, die Eurostat der schlichteren Größe des Bruttoinlandsprodukts ausdrücklich vorzieht, weil sie, so heißt es, näher an dem sei, was Menschen tatsächlich verbrauchen. Achtundachtzig Prozent. Eine Zahl wie ein geschickt gelegter Teppich, über den man gehen kann, ohne zu stolpern, und der doch einiges darunter verbirgt.
Denn diese Kennziffer rechnet, was das Bruttoinlandsprodukt nicht rechnet: nicht nur das, was der Bürger in Geschäften, Apotheken und Tankstellen lässt, sondern auch das, was der Staat ihm vorsetzt — Schulen, Spitäler, Beratungsstellen, die warme Geste eines öffentlichen Sektors, der seine Liebesdienste als Konsum verbucht. Man mag das für eine Buchhalterei halten; man darf es auch für eine politische Entscheidung halten. Wer den Wohlstand eines Landes an dem misst, was seine Bürger einstecken, der hat immer schon eine Definition von Wohlstand parat, die dem Staat nützt.
Polen also, jenes Land, das 1995 mit fünfundvierzig Prozent in dieselbe Messung einstieg, hat in drei Jahrzehnten sechsundvierzig Prozentpunkte zugelegt — eine Entwicklung, die in Brüssel niemanden mehr überrascht und in Warschau niemanden mehr erschreckt. Im Jahr 2025 nun, so haben die Statistiker vermessen, überholte das Land Portugal, Rumänien, Slowenien — allesamt seither bei sechsundachtzig Prozent verharrend — und auch Litauen, das auf siebenundachtzig sitzt. Gleichauf mit Malta belegt Polen nun Rang vierzehn der achtundzwanzig Mitgliedstaaten, den Rücken im Nacken von Spanien, das seinerseits zweiundneunzig vor sich her trägt. Eine Bewegung, die in derlei Tabellen wie eine Himmelsleiter aussieht und in der Kanzlei der Statistik wie ein streng geometrisches Vorrücken.
Man darf die Spitze des Feldes nicht vergessen. Luxemburg, das Fürstentum der Bankbriefkasten und der ruhigen Gewinne, thront bei hundertfünfundvierzig Prozent, gefolgt von Deutschland mit hundertzwanzig und den Niederlanden mit hundertneunzehn — ein Kopf, an dem sich die Differenz misst, die ein ganzer Kontinent zwischen sich und seinem Versprechen offen lässt. Am unteren Rand, da wo die Statistik ihre leisen Wahrheiten aufschreibt, finden sich Ungarn und Lettland, beide bei dreiundsiebzig, und Estland mit vierundsiebzig. Zahlen sind geduldig, sie halten es aus.
Und hier, in dieser Architektur der Prozentpunkte, liegt die eigentliche Pointe: Polen ist zum ersten Mal das höchste Haus unter jenen zehn Staaten, die seit 2004 der Gemeinschaft beigetreten sind — vor Tschechien, vor der Slowakei, vor Ungarn, vor allen jenen Ländern, die einst mit großen Hoffnungen eingeladen wurden, um dann im Halbschatten der Statistik ein bescheidenes Leben zu führen. Dass ausgerechnet Warschau in dieser Reihe vorne steht, ist eine Erzählung, die in Brüssel gern erzählt wird und in Berlin mit einem gewissen Stirnrunzeln. Der Osten, sagt man sich dort, hat seinen Meister gefunden, und der Meister heißt numerische Konvergenz.
Die Zahl des Jahres indes ist eine andere. Drei Prozentpunkte — so weit hat Polen seinen Abstand zum EU-Mittel binnen eines einzigen Jahres verringert. Bulgarien, dieser stille Nachbar, hat vier geschafft und steht einen Wimpernschlag vorne; aber wer zählt schon Wimpernschläge, wenn die Rede auf Volkswirtschaften kommt. Die Mechanik hinter dieser Bewegung ist so diskret wie die Bewegung selbst: steigende Löhne, sinkende Preisdifferenzen, ein Wechselkurs, der das Konto schönt, und nicht zuletzt jener öffentliche Konsum, der als individuelle Wohlfahrt in die Tabelle eingeht, als hätte der Staat ein Herz aus Seide.
Man könnte nun sagen: es stimmt ja alles. Es stimmt, dass die polnischen Haushalte heute mehr konsumieren als vor zehn, vor zwanzig, vor dreißig Jahren. Es stimmt, dass die Lücke sich schließt. Aber Konsum ist ein seltsamer Götze. Er misst den Zugang, nicht die Teilhabe; das, was fließt, nicht das, was bleibt. Eine Tabelle dieser Größenordnung feiert einen Aufholprozess und verschweigt zugleich seine Mechanik: dass die achtundachtzig Prozent ein relativer Wert sind, gemessen an einem Durchschnitt, der selbst niemandes Traum war. Wer seine Stadt an der Höhe ihrer Nachbarin misst, hat noch keinen Grund zu feiern; er hat einen Grund weiterzugehen.
Die Damen und Herren in Warschau werden feiern. Sie werden es als historischen Sprung verkaufen, als Bestätigung einer Erzählung, die schon seit Jahren geschrieben wird — jener Erzählung vom aufsteigenden Osten, der sich seine Plätze nimmt, ruhig, beharrlich, mit dem Selbstbewusstsein einer Nation, die wieder das Zentrum ihrer eigenen Geschichte sein will. In Brüssel wird man höflich applaudieren, hinter verschlossenen Türen aber wird man die Schwellen neu berechnen, wird man prüfen, was eine Kennziffer wert ist, die den Staat zum Wohltäter seiner Bürger erklärt, und wird man, leise, einmal mehr nachdenken über die Kunst, mit Zahlen zu regieren.
Denn Zahlen regieren. Sie haben schon Kriege eingeleitet und Verträge beerdigt; sie werden auch diesmal ihren Dienst tun. Achtundachtzig Prozent — das klingt nach fast erreichtem Ziel, nach bald eingeholter Familie, nach einer Tafel, bei der man wieder mit am Tisch sitzt. Wer jedoch einmal in Genf an Tischen saß, auf denen Verträge lächelnd unterzeichnet und dann stillschweigend vergessen wurden, der weiß: nichts ist gefährlicher als eine Statistik, der alle gerade applaudieren.