Die Unbekannten, die man sich wünscht
Man nennt es Schach. Man nennt es auch Fußball. Die Unterschiede, so höre ich aus den Räumen, in denen die Drähte zusammenlaufen, sind geringer als das Publikum ahnt.
Sonntag also trifft die deutsche Nationalelf auf Curaçao. Eine karibische Mannschaft, deren Spieler den meisten Bundesliga-Kennern nicht einmal im Traum begegnen. Das ist die Pointe, und zwar eine kalkulierte. Niemand kennt sie. Niemand soll sie kennen müssen. Die Unbekannten sind die sorgfältig gewählten Außenseiter, die man sich wünscht, wenn man selbst neu sortiert wird — zart, leise, ohne die lästige Möglichkeit einer echten Überraschung.
Es gibt in diesen Tagen ein neues Ritual, eine Liturgie der Neuzeit gewissermaßen: die Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bundes. Dort spricht man über den Gegner in jenem Ton, der zwischen Hochachtung und Herablassung schwebt wie ein gut gebundener Kragen über einem gestärkten Hemd. Man sagt: Curaçao. Man sagt: Karibik. Man sagt es, wie man über einen alten Diener spricht, dessen Loyalität niemand bezweifelt und dessen Fähigkeiten niemand überschätzt.
In Winston-Salem, North Carolina, hat man das Quartier bezogen. Kein Lärm, keine Ablenkung, kein Presserummel, der nicht geplant wäre. Die Reporter Philipp Schneider und Philipp Selldorf sind zugeschaltet, berichten vom Idyll, von der Ordnung, von der Stimmung, die man sich wünscht — Jonas Beckenkamp moderiert aus der Ferne, in der jüngsten Folge des Podcasts „Und nun zur WM". Alles ist szenisch durchdacht. Es ist das, was man in Wien einst eine choreographierte Begegnung nannte.
Und dann, ganz zum Schluss, wird Miroslav Klose aus der Versenkung geholt. Sechzehn Tore bei Weltmeisterschaften. Ein Rekord, der auf das kalkulierte Wohlwollen ganzer Generationen von Mitspielern und Trainern angewiesen war. Er sitzt da und sagt, fast andächtig, dass er damit rechne, dass dieser Rekord in diesem Turnier falle — von einem Deutschen, versteht sich. Die Bescheidenheit ist perfekt einstudiert. Sie ist die höflichste Form der Erinnerung daran, wer hier noch zählt, wer noch den Ton angibt im Hintergrund der Geschichten, die man über die neuen Helden erzählen wird.
Was hinter dem Vorhang zu sehen ist, wenn man die Augen zusammenkneift: Ein Auftaktgegner wird ausgewählt wie die Eröffnungsgarnitur eines Festes. Man will den Glanz, nicht die Gefahr. Man will den ersten Schritt in eine Geschichte, die längst geschrieben ist — Sieg, Zuversicht, Fortsetzung des eigenen Mythos. Curaçao ist nicht Inhalt dieses Moments, sondern seine Funktion. Man lässt sie antreten, damit die Erfolgsgeschichte des Gastgebers ihren Anfang nehmen kann, ohne dass ihr Anfang bereits nach Risiko schmeckt.
Die Karibik, die am Sonntag auf den Platz tritt, ist nicht nur geographisch ein Außenseiter. Sie ist strukturell einer. Sie kommt mit dem Segen der großen Verbände, mit der Aufmerksamkeit der Hauptbühnen — und mit der stillschweigenden Vereinbarung, dass man sie sehen, aber nicht wirklich sehen wird. Sie ist Statisterie in einem Stück, dessen Rollenverteilung längst feststeht.
So also beginnt das Turnier: mit einem öffentlichen Bekenntnis zur Unwissenheit, das zugleich ein Bekenntnis zur eigenen Überlegenheit ist. Wir wissen nichts über sie, sagen sie. Wir müssen nichts wissen. Wir werden sie schlagen, und dann werden wir über den nächsten Gegner reden — über jenen, den man tatsächlich zu fürchten beginnt. Und vielleicht, wenn die Geschichte gut läuft, werden wir am Ende von einer Mannschaft sprechen, die wusste, wie man die eigenen Unwägbarkeiten hinter der Maske der Kontrolle verschwinden lässt.
Ich trage Handschuhe beim Zuhören. Man weiß nie, was die Hände verraten.
Das eigentliche Spiel ist nicht das, was auf dem Platz geschieht. Es ist das, was in den Köpfen derer geschieht, die zuschauen — und derer, die das Zuschauen so sorgfältig choreographieren, dass am Ende niemand mehr weiß, wo die Bühne aufhört und das Brett beginnt.
Schach ist, so sagt man, das Spiel der Könige. Aber die Könige, meine Damen und Herren, spielen es selten selbst. Sie lassen spielen. Sie lassen verlieren. Sie lassen siegen. Und sie schreiben die Regeln so, dass am Ende immer dieselben gewinnen.