Endlich Feierabend? Kiews Demobilisierung kommt – mit Preisaufschlag fürs Bleiben
Die Ukraine will bis Jahresende die ersten Soldaten nach Hause schicken. Jene, die seit 2014 dienen. Jene, die 2022 eingezogen wurden, als die Welt noch glaubte, das hier sei ein Blitz, kein Dauerzustand. Eine Zahl nennt das Verteidigungsministerium in Kiew nicht. Natürlich nicht. Zahlen sind in diesem Krieg schon lange keine Währung mehr, sondern Munition.
Selenskyj hat's angeordnet. Verteidigungsminister Fedorow hatte schon im Mai verkündet, die schrittweise Demobilisierung könne 2026 beginnen. Damals klang das nach einer Hoffnung. Jetzt klingt es nach einer Rechnung. Denn was da aus Kiew kommt, ist keine Gnade. Es ist ein Vertrag.
Zum ersten Mal, sagen sie, gelte ein Prinzip: Je mehr Risiko, desto mehr Geld. Frontsoldaten sollen künftig im Schnitt 300.000 Hrywnja im Monat bekommen. Rund 5.800 Euro. Für einen Mann, der sich nachts in einen Schützengraben duckt, während Drohnen über ihm summen wie metallische Mücken. Ist das viel? Fragt das mal einem Toten.
Die Nicht-Front-Soldaten steigen immerhin von 20.000 auf 30.000 Hrywnja. Von etwa 390 auf 580 Euro. Verwundete im Lazarett behalten ihre 100.000 Hrywnja Frontzulage – bis zu zwölf Monate durchgehender Behandlung. Zwölf Monate, in denen man lernt, was der eigene Körper noch kann und was nicht.
Und dann die Verträge. Klarere Dienstzeiten. Garantierte Ausnahmen für Soldaten mit Kampferfahrung. Planbarkeit, sagen sie. Professionalisierung. Klingt nach einem Geschäft. Und genau das ist es auch.
Wer hier genauer hinschaut, sieht nicht nur die Gnade, sondern das Geschäft dahinter. Die Ukraine hat ein Problem: Die Ersten, die 2022 eingezogen wurden, sind müde. Ausgebrannt. Manche seit elf Jahren unter Waffen. Wer soll die noch halten, wenn der Sold nicht reicht und die Zukunft ein schwarzes Loch ist? Also erfindet man das Prinzip „Geld gegen Risiko" – und hofft, dass die Jungen kommen, während die Alten gehen dürfen.
Die Frage ist nur: Wer kommt noch? Und für wie lange? Denn wenn der Preis steigt, bedeutet das auch, dass der Einsatz teurer wird. Für wen? Für den Staatshaushalt, der ohnehin am Limit ist. Für die Verbündeten, die jeden Monat Milliarden überweisen. Für die Familien, die zu Hause warten und nicht wissen, ob der Mann zurückkommt – und wenn ja, als welcher.
2024, als Kiew das Mobilisierungsgesetz änderte, war die Demobilisierungsklausel schon einmal im Entwurf. Dann verschwand sie. Trotz öffentlichen Drucks. Jetzt ist sie zurück. Was hat sich geändert? Nicht die Lage an der Front. Nicht die Stimmung im Land. Geändert hat sich, dass man die Alten nicht mehr braucht – und die Neuen nur bekommt, wenn man den Preis hochschraubt.
Die römischen Legionäre bekamen nach zwanzig Jahren Dienst ein Stück Land. Die ukrainischen Soldaten bekommen einen Vertrag und vielleicht ein Leben danach. Die Rechnung ist einfach: Wer überlebt, hat Glück gehabt. Wer geht, hat seine Schuld getan. Wer bleibt, lässt sich bezahlen – weil das die einzige Sprache ist, die in diesem Krieg noch zählt.
Kiews Demobilisierung ist keine Wende. Sie ist ein Marktplatz. Und wer auf diesem Marktplatz nicht bezahlen kann, bleibt halt liegen.