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Vollgestopft und unterbesetzt: Welsche Knäste im Werberrausch

30. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

1937. Die Drähte summen. Ich übersetze.

Die Gefängnisse in Genf und Waadt sind nicht überfüllt, weil die Zellen fehlen. Sie sind überfüllt, weil zu viele Leute drin sitzen. Das hat nicht der Strafvollzug gesagt. Das hat Julie de Dardel gesagt, Geografieprofessorin, eine Frau, die zählt statt zuschlägt. Wenn das keine Neuigkeit ist.

Das Kantonsparlament in Lausanne sprach vor einem Jahr Klartext. Unmenschlich. Entwürdigend. Eine «Schande» für den Kanton. Das ist die Sprache von Leuten, die ihren eigenen Laden nicht mehr verteidigen können. Zehn Jahre Verschärfung. Akuter Personalmangel. Keine Stelleninserate mehr, jetzt Infoabende. So sieht das aus, wenn ein System ein Geständnis ablegt.

Vierzig Leute kamen nach Cossonay. Ein Viertel davon Frauen. Zwei Personalmanager, mehrere uniformierte Beamte – vom stellvertretenden Hauptaufseher bis zum Leiter der Werkstatt für Grünflächen. Alle in Uniform, alle lächelnd. Die Arbeit wird verkauft als «Begleitung beim Weg zurück in die Freiheit». Jacques, 45, Aufseher in der JVA Plaine de l'Orbe, seit zwölf Jahren im Dienst, stellt das dreijährige Ausbildungsprogramm vor. Er sagt, die Arbeit sei anspruchsvoller geworden. Er sagt nicht, wessen Arbeit. Aber wer hat sie anspruchsvoller gemacht?

Eine vierundzwanzigjährige Coiffeuse. Ein dreiundvierzigjähriger Sportler. Eine langjährige Kita-Mitarbeiterin. Drei Menschen aus der Sorge-Branche. Sie sollen jetzt hinter Gitter gehen. Nicht weil sie das wollten – sondern weil das System niemand anderen mehr findet. Fatih Yaman, Personalberater beim Strafvollzugsdienst, spricht von einer «echten Herausforderung bei der Personalrekrutierung». Ich übersetze: Die Maschine läuft, aber niemand will sie mehr bedienen.

Die Frage ist immer: Wer profitiert? Wer zahlt den Preis?

Profitieren tut, wer Betreuung als Beruhigungsmittel verkaufen kann – den Insassen, dem Personal, der Öffentlichkeit. Die Botschaft lautet: Wir sperren euch nicht ein, wir begleiten euch. Aber Begleitung ohne Personal ist ein Versprechen ohne Zinsen. Das Kantonsparlament hat die Zustände vor einem Jahr angeprangert. Was hat sich geändert? Die Werbung. Die Zellen sind noch voll. Das Personal ist noch knapp. Die Insassen sind noch da.

Zahlen tun die, die drin sitzen. Und die, die drinnen arbeiten sollen. Die Kita-Erzieherin, die jetzt lernt, wie man eine Zelle öffnet. Der Sportler, der jetzt lernt, wie man einen Ausbruch verhindert. Die Coiffeuse, die jetzt lernt, wie man Haare schneidet unter einer Decke, die nicht ihre eigene ist. Sie werden ausgebildet – nicht weil sie die Besten sind, sondern weil sie überhaupt da sind. Drei Jahre Ausbildung. Aber das System hat nicht drei Jahre. Das System hat heute Personalnot.

Die Professorin de Dardel hat recht. Zu viele Leute im Gefängnis ist kein Raumproblem. Es ist ein Politikproblem. Richter, Staatsanwälte, Polizei, Politiker – sie sitzen nicht in Plaine de l'Orbe. Sie sitzen in Lausanne und Genf, in Büros mit Teppichboden und Kaffee, der noch warm ist. Sie füllen die Zellen mit Menschen, die sie nie sehen werden. Dann werben sie um Personal, das diese Menschen betreuen soll – als wäre Betreuung ein Bonus, kein Beruf.

Vierzig Leute in Cossonay. Ein Viertel Frauen. Ein Infoabend. So sieht die Lösung aus, wenn die Politik die eigentliche Lösung nicht anfasst. Man fischt im Kita-Teich, weil der eigene Teich leer ist. Man nennt es «neue Wege». Ich nenne es: Das System füttert sich selbst mit dem, was andere übrig haben.

Wer kontrolliert das? Die Kantone. Wer profitiert? Die, die am Ende sagen können: Wir haben es versucht. Wer zahlt den Preis? Die Insassen, deren Betreuer heute eine Coiffeuse ist, die gestern noch Locken gewickelt hat. Und die Coiffeuse selbst. Sie wusste nicht, worauf sie sich einlässt. Niemand hat es ihr gesagt.

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