VOM WURM IM HAHN ZUM GIFT IM BRUNNEN: WER REGIERT DAS WASSER?
Zwei Städte, zwei Pressemeldungen, derselbe Gestank. In Salem im südindischen Tamil Nadu hat der Stadtrat am Montag einen Auftrag über 4.315 Crore Rupien an ein Privatunternehmen aufgehoben — einen Vertrag, der die Trinkwasserversorgung für fünfundzwanzig Jahre in eine Hand gelegt hätte. In Enid im US-Bundesstaat Oklahoma kartierten Reporter 114 Bohrlöcher, die Aufsicht und Ölindustrie gleichermaßen duldeten, mitten im Einzugsgebiet öffentlicher Brunnen. Was wie Lokalpolitik aussieht, ist ein Muster.
Die Geschichte beginnt in Salem mit einem Bild, das man nicht mehr aus dem Kopf bekommt: Würmer im Leitungswasser von 60 Stadtbezirken. Councillor K.C. Selvaraj nannte es beispiellos. Die Erklärung folgte sofort — und sie war vorhersehbar. Die Chlorierung sei mangelhaft, so der Vorwurf. Seit zwei Jahren habe die Stadtverwaltung alle drei Monate zwischen 36 und 50 Lakh Rupien an einen bestimmten Auftragnehmer überwiesen, um Chlor zu kaufen. Beamte hätten Bestechungsgelder eingestrichen.
Es ist die alte Gleichung. Wo öffentliche Versorgung an private Lieferanten geht, geht die Kontrolle über die Qualität gleich mit. Wer das Chlor verkauft, verkauft die Reinheit. Wer die Reinheit kontrolliert, kontrolliert das Vertrauen.
Bürgermeister A. Ramachandran, nach eigenem Bekunden selbst Empfänger von Beschwerden, stellte die Räte vor eine Abstimmung: Wer für die Aufhebung sei, hebe die Hand. Sie hoben alle. Einstimmig war in Salem zuletzt wenig.
Der Auftrag über 4.315 Crore Rupien war im Februar dieses Jahres vergeben worden, das private Unternehmen sollte die Versorgung rund um die Uhr sicherstellen. Vier Parteien — AIADMK, CPI(M), CPI und VCK — hatten von Anfang an protestiert. Die Wahlen hatten die Umsetzung verzögert. Würmer im Wasser gaben den Protesten den letzten Stoß.
Nebenbei, am Rand der Sitzung: Die stellvertretende Bürgermeisterin M. Saradha Devi von der Kongresspartei verließ den Saal, nachdem ihr Stuhl auf der Bühne entfernt worden war. Sie verlangte, dass ein Porträt des verstorbenen Chief Ministers K. Kamaraj im Ratssaal hängt. DMK-Räte wiederum hatten das Porträt des amtierenden Chief Ministers M.K. Stalin platziert. Ein Streit um symbolische Präsenz — und darum, wessen Geschichte in einem öffentlichen Raum gelten darf.
Nun nach Enid. Hier geht es nicht um Chlor. Hier geht es um das, was unter dem Chlor liegt. Die Reporter von Frontier und ProPublica kartierten jeden Versenkungsbrunnen im Bundesstaat. Ergebnis: mindestens 114 Bohrlöcher innerhalb einer halben Meile um öffentliche Trinkwasserbrunnen — obwohl der Staat das eigentlich verbietet. Mehr als 300.000 Menschen in Oklahoma hängen an diesen Brunnen.
Die Aufsichtsbehörde hätte längst Anhörungen durchführen müssen, bevor eine Ausnahmegenehmigung greift. Sie tat es nicht. Im Jahr 2018 ließ sie, ohne Verfahren, den Brunnen „Flying Monkey" zu. Seither hat dieser Brunnen wiederholt strukturelle Dichtheitstests nicht bestanden. Er liegt nur wenige hundert Meter von der Trinkwasserfassung der Stadt Enid entfernt, an einer Schotterstraße im Nordwesten Oklahomas, ohne Schutzstreifen, ohne Würde.
Was dort in die Tiefe gepumpt wird, ist kein neutrales Wasser. Es ist das Nebenprodukt der Ölförderung, salziger als Meerwasser, beladen mit Schwermetallen. Wer das Zeug versenken darf, entscheidet in Oklahoma die Oklahoma Corporation Commission — dieselbe Behörde, die auch regulieren soll. Die Stadt Enid hat keine Befugnis, eigene Regeln zu erlassen. Sie appelliert nach oben. Nach oben sitzt dieselbe Stelle, die nach unten durchwinkt.
In Midland, Texas, wird der Grundwasserschaden eines lecken Versenkungsbrunnens seit über zwanzig Jahren aufgeräumt. Ein Beispiel, das Oklahoma nicht zur Kenntnis nehmen will.
Man nennt das eine Kette. Oben die Aufsicht, die durchwinkt. Mittendrin die Industrie, die bohrt oder privatisiert. Unten der Hahn, aus dem das Wasser kommt — oder eben nicht mehr. In Salem wurde die Kette an einem Glied gekappt, jedenfalls vorläufig. In Enid steht sie noch.
Die Frage, die bleibt, ist immer dieselbe: Wer kontrolliert das Wasser, wer profitiert, wer zahlt den Preis. Die Antwort wechselt nur die Landkarte.