Die Fahne, der Vorhang und das Netzwerk
Berliner Platz der Republik, achter Juni, ein Nachmittag wie aus dem Lehrbuch der Choreografie. Ein Mann trägt eine Deutschlandfahne. Beamte treten an ihn heran. Er weigert sich. Die Kameras laufen. Hunderttausende sehen zu, später Millionen. Und aus einem routinemäßigen polizeilichen Ansinnen wird binnen Stunden ein Narrativ, das in den algorithmischen Sümpfen des Landes zirkuliert wie eine stickige Wolke über einem Schwimmbecken im August.
Wer die Maschine kennt, weiß, wie sie arbeitet. Man nehme einen Vorfall, schneide ihm den Kontext ab wie einen Stoffetzen, und kleide ihn in eine Überschrift, die nach Empörung schmeckt. „Woke Berliner Polizei stoppt Demonstrant mit Deutschlandflagge!" schreibt das AfD-nahe Blatt Deutschland Kurier. „Die eigene Nationalflagge in der eigenen Hauptstadt unerwünscht", titelt ein Instagram-Kanal namens „Gesichert Unbequem", der seine Reichweite nicht dem Zufall verdankt. Die internationale Verwertungskette folgt auf dem Fuße, mit Übersetzungen, die das deutsche Substantiv zum Mythos veredeln.
Die Fakten, welche die Berliner Polizei in einer knappen E-Mail bestätigt, sind da weniger operettenhaft. Der Mann war nicht das, was die Erzählung aus ihm machen möchte — kein Spaziergänger, kein Reiseführer, kein unschuldiger Träger nationaler Symbole in friedlicher Sonne. Er war Teilnehmer einer Demonstration mit dem martialischen Titel „Projekt M1llion – Rücktritt der aktuellen Bundesregierung + Merz". Rund viertausend Menschen gingen an jenem Tag in Berlin auf die Straße, viele von ihnen mit Deutschlandfahnen, weil die Geste an jenem Ort und an jenem Datum ein programmatischer Akt war, eine Unterschrift mit Tuch. Wenn Beamte einen Demonstranten bitten, die Fahne abzunehmen, dann hat das, wie jeder weiß, der einmal an Tischen zwischen Staatsinteressen saß, einen Grund — und sei es nur der, dass die Fahne in diesem Moment nicht Dekor, sondern Teil eines Aufmarschs ist, der registriert und begleitet werden muss.
Der Mann weigerte sich. Er reagierte aggressiv. Das ist sein Recht, ist aber auch ein Faktum, das in den Umlaufvideos tunlichst weggeschnitten wird. Denn Aggression passt nicht in die saubere Symbolik des unschuldig geschmähten Patrioten, der da nur seine Liebe zum Lande trägt und von Polizeistiefeln daran gehindert wird.
Parallelen werden gezogen, die keine sind. Der AfD-Abgeordnete Götz Frömming schreibt auf X, die Polizei komme, „wenn man die deutsche Nationalflagge aus dem Bundestag heraus zeigt", und ebenso, „wenn man mit ihr vor dem Bundestag herumspaziert". Die Parallele ist ein Trugbild. Was im Bundestag geschah, war ein anderer Vorfall, anderer Anlass, andere rechtliche Grundlage — doch wer auf Parallelen baut, braucht keine Substanz, nur die Wiederholung. Und die Wiederholung, das weiß jede Maschine, die Meinung herstellt, ist die billigste Ware im Sortiment.
Manche Kommentatoren zitieren das Grundgesetz und behaupten, es gebe ein generelles Verbot von Deutschlandfahnen in Berlin oder der Republik. Es gibt keines. Was es gibt, sind die üblichen Auflagen für Versammlungen im öffentlichen Raum, unter denen Fahnen — gleich welcher Couleur — Gegenstand polizeilicher Anordnungen sein können. Das ist nicht die Diktatur des kleinen Mannes. Das ist die Grammatik des Versammlungsrechts, verfasst von Vätern und Müttern dieser Republik, nicht erfunden in einer Polizeiwache.
Das Perfide an der Inszenierung ist nicht einmal die Lüge. Es liegt in der Mechanik. Man nehme einen Demonstranten einer politischen Mobilisierung, entreiße ihn seinem Kontext, gebe ihm das Gesicht des Jedermanns, stelle ihn an den virtuellen Pranger, und lasse das Publikum jene Empörung erleben, die es sich seit Langem wünscht. Die Fahne wird so zur Projektionsfläche. Wer sie trägt, wird Opfer. Wer sie fordert, wird Ankläger. Wer zuschaut, wird Zeuge einer Geschichte, die so nie stattgefunden hat.
Man hat das oft gesehen. An Tischen, an denen Männer lächelnd Protokolle unterschrieben, die sie nicht halten würden. Hier lächelt niemand. Hier wird nur gepostet. Aber die Mechanik ist dieselbe. Man nehme einen Splitter, schleife ihn zu einer Waffe, und verkaufe ihn als das Holz des Kreuzes.
Die Wahrheit über den achten Juni ist profan. Ein Demonstrant wurde gebeten, eine Fahne abzunehmen. Er weigerte sich. Es gab einen Einsatz. Es gibt ein Video. Es gibt viertausend Menschen auf einer Demonstration. Es gibt keine Fahnenverbote. Es gibt nur eine Kette von Übertragungen, die das Ereignis in einen Stoff verwandelte, in welchem das Grundgesetz zitiert wird, um eine Erzählung zu stützen, die mit dem Grundgesetz nichts zu tun hat.
Was bleibt? Eine Notiz an alle, die noch glauben, im Netz geschehe das Wahre. Es geschieht dort vor allem das Nützliche. Und was nützlich ist, entscheiden jene, welche die Bühne besitzen, während die Zuschauer in die Hände klatschen.
Vera Kastner schreibt für die Terminal Tribune aus einer Stadt, die sie nicht nennt.