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Frontex rüstet am Kanal auf

1. Juli 2026 — — — M. Silber

121. So viele Menschen sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration in den Jahren 2024 und 2025 im Ärmelkanal ums Leben gekommen oder gelten als vermisst. Ich schreibe die Zahl nicht aus. Ich schreibe sie als Ziffer. Weil das so üblich ist. Weil es dann leichter zu lesen ist.

Die EU-Kommission hat dem Europäischen Rat einen Aktionsplan vorgelegt. Das Papier ist nicht für die Öffentlichkeit gemacht, es ist für die Staats- und Regierungschefs. Aber es liegt nun vor, und es sagt deutlich, was kommen wird: Frontex, die Grenzagentur der EU, soll ihre Präsenz im Ärmelkanal und in der Nordsee „deutlich ausbauen". Konkret: Schiffe. Flugzeuge. Die sogenannte „Ständige Reserve", die neue Truppe, die bisher als Personalreserve für Einsätze an Land gedacht war. Die Kommission will sie an die Küsten schicken.

Bisher operiert Frontex im Kanal im Rahmen der Operation „Opal Coast". Gaststaat ist Belgien. Ein einziges Überwachungsflugzeug ist dort stationiert. Keine Schiffe. Live-Videos laufen ins Frontex-Situationszentrum und in ein belgisches Einsatzzentrum. So weit, so technisch. Jetzt soll daraus eine Flotte werden.

Man darf sich das vorstellen: Schlauchboote, oft überladen, oft ohne ausreichende Schwimmwesten, im Wasser zwischen Calais und Dover. Und dann diese neue Architektur - Schiffe und Flugzeuge, deren Aufgabe laut Plan ist, „verdächtige Bewegungen frühzeitig zu erkennen". Das ist die offizielle Formulierung. Sie klingt nach Wetterwarnung. Sie meint: Menschen. Sie meint: sehen, bevor sie ablegen. Sie meint: erfassen, melden, abfangen.

Was nicht in dem Satz steht: dass die Frontex-Operation offiziell auch Such- und Rettungseinsätze der Anrainerstaaten unterstützen soll. Das steht an anderer Stelle. Es klingt fast nach einer Fußnote.

Ich übersetze den Plan in eine Sprache, die ich aus den Wartezimmern kenne, in denen Aufenthaltstitel zwischen Instanzen verschwinden. Da saß eine Frau, sie hatte ein gültiges Visum für die EU. Sie wollte zu ihrer Schwester nach London. Der Aufenthaltstitel, den die Kommission nun in ihren Risikoanalysen für „möglichen Missbrauch" prüfen lassen will, war ihr Leben. Der Plan spricht von einem „wechselseitig vorteilhaften Austausch operativer Informationen" mit der Regierung in London. Klingt wie ein Freundschaftsvertrag. Ist ein Fahndungsabkommen.

Die Kommission nennt es „Migrationsdiplomatie". Verhandlungspartner sind Herkunfts- und Transitländer. Ziel: „irreguläre Ausreisen aus der EU verhindern". Also Druck auf Regierungen, damit sie ihre eigenen Bürger zurücknehmen. Und damit Menschen gar nicht erst losfahren. Schleusernetzwerke sollen „systematischer zerschlagen" werden - das klingt konsequent, ist aber auch ein Hebel, mit dem man jede Bewegung kriminalisieren kann, die nicht auf dem Weg ist, den Brüssel und London für richtig halten.

Ich bin Sozialreporterin. Ich zähle nicht Ströme. Ich zähle Köpfe. Ich kenne den Vater, der an einer europäischen Grenze stand und wusste: dieses Mal ist die See tiefer. Ich kenne die Mutter, die ihr Kind in einem Lager in Nordfrankreich zurückließ, weil das Boot zu klein war für drei.

121. Manche kannten einander. Manche kannten sich nicht. Manche hatten Pässe, manche nicht. Manche hatten Visa. Manche hatten nur ein Handy mit einer Adresse in England.

Die Kommission hat den Aktionsplan rechtzeitig zur Tagung des Europäischen Rats vorgelegt. Es geht um Sichtbarkeit. Es geht um Handlungsfähigkeit. Es geht darum, dass Brüssel und London sich gegenseitig zeigen können, dass sie etwas tun. Schiffe kaufen sich gut in Pressemitteilungen. Schiffe kaufen sich gut in Wahlkämpfen.

Was die Schiffe nicht kaufen: das Wasser, in dem 2024 und 2025 insgesamt 121 Menschen verschwunden sind. Was die Flugzeuge nicht sehen: warum sie losgefahren sind.

Die Boote legen ab. Die Flotte rückt an. Das ist die Reihenfolge.

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