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Die Frequenzen sind vergeben — und damit die Wahrheit

1. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Berlin, im Spätherbst 1937. Auf meinem Schreibtisch liegen drei Schreiben, die kein Mensch lesen soll. Das Reichspostministerium vergibt Wellenlängen. Nicht viele. Genau die richtigen.

Wer ein Radiogerät kauft, hört Deutschland. Wer ein Radiogerät baut, baut für Deutschland. Die Volksempfänger stehen in den Schaufenstern wie sauber verpackte Gewehre. Innen drin: ein Empfänger, der nur empfängt, was er empfangen soll. Kein Kurzwellenband für den Mann von der Straße. Keine Möglichkeit, London oder Moskau zu hören, ohne daß ein Techniker das Gerät aufschraubt. Das ist keine Nachricht. Das ist Architektur.

Die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft sitzt auf den Frequenzen wie ein Grundherr auf seinem Acker. Dahinter steht die Industrie, und hinter der Industrie steht das Heereswaffenamt. Ich habe die Lieferverträge gesehen. Nicht alle. Genug.

Telefunken liefert die Sender. Die Empfänger kommen von Mende, von Lorenz, von Blaupunkt — alle mit Genehmigung, alle mit Auflagen. Wer ein Gerät ohne Genehmigung baut, bekommt Ärger. Wer ein Gerät mit zu großem Empfangsbereich baut, bekommt mehr Ärger. Die unsichtbare Grenze verläuft nicht an der Reichsgrenze. Sie verläuft am Drehkondensator.

Ich bin Telegraphistin gewesen. Ich weiß, wie ein Signal aussieht, wenn es über die Leitung kommt. Ich erkenne den Träger, ich erkenne die Modulation, ich erkenne, wenn jemand einen Kanal stumm schaltet. 1937 wird viel stumm geschaltet.

Die Mittelwelle gehört dem Staat. Die Kurzwelle gehört der Wehrmacht. Was übrig bleibt, ist ein schmaler Streifen für diejenigen, die noch experimentieren dürfen. Funkamateure? Es gab sie. Es gibt sie noch, aber ihre Lizenzen werden nicht mehr erneuert. Sie hören Dinge, die sie nicht hören sollen. Also hören sie bald nichts mehr.

Was mich nicht überrascht, ist die Kontrolle. Was mich beunruhigt, ist die Effizienz.

Es gibt da eine Firma in einem Vorort von Berlin. GEMA. Elektroakustische und mechanische Apparate. Sie bauen Ultraschallgeräte, sagt man. Heilt Tinnitus. Macht Schiffsböden sauber. Nichts Besonderes. Aber es gibt eine zweite Firma, nicht weit davon, ebenfalls unauffällig. Beide arbeiten für die gleichen Auftraggeber. Beide beziehen Bauteile, die auf keiner normalen Bestellliste stehen. Dinge, die man für medizinische Apparate nicht braucht. Manche nennen es Funkmess. Ein Wort, das vor zwei Jahren noch niemand kannte. Heute kennen es alle, die es kennen müssen, und sonst niemand.

Ich sitze an meinem Empfänger und höre das Rauschen zwischen den Stationen. Das Rauschen ist nicht leer. Es ist voller Signale, die noch nicht gesendet, aber vorbereitet werden. Schiffe, die ihre Reflektoren testen. Flugzeuge, die ihre Profile messen. Küsten, die kartographiert werden, bevor irgendjemand offiziell weiß, daß es eine Küste zu kartographieren gibt.

Der Krieg, der noch nicht begonnen hat, hat bereits eine Infrastruktur. Die Frequenzen, auf denen er stattfinden wird, sind heute schon reserviert. Die Geräte, die ihn möglich machen, werden in Werkhallen gebaut, die als Sanatorien getarnt sind. Die Ingenieure, die sie konstruieren, haben keine Namen in den Zeitungen. Sie haben Aktenzeichen.

Das ist der Deal, den die Technik mit der Macht gemacht hat: Du kriegst Mittel, ich kriege Schweigen. Funktioniert seit Erfindung des Buchdrucks. Funktioniert besser, seit der drahtlose Verkehr erfunden wurde.

Was bleibt mir? Ich kann die Frequenzen nicht freischalten. Ich kann die Geräte nicht aufschrauben. Ich kann nur dasitzen und zuhören, wie das Band sich füllt mit dem, was man mir nicht erzählt. Aber zuhören kann ich. Das habe ich gelernt, als die Drähte noch aus Kupfer waren. Heute sind sie aus Äther. Das Prinzip ist dasselbe: Wer die Leitung besitzt, besitzt die Nachricht. Wer die Nachricht besitzt, besitzt die Welt.

Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Akten stapeln sich. Die Überschrift schreibt sich von selbst: Die Frequenzen sind vergeben. Die Wahrheit gleich mit.

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