Parasiten oder Patienten? Anatomie einer Partei, die sich selbst nicht mehr erkennt
Es gibt Sätze, die wie Einbruchsversuche klingen — man hört das Splittern des Schlosses erst im Nachhinein. Melissa DeRosa, einst Stabschefin im Apparat des Gouverneurs Andrew Cuomo, hat einen solchen Satz geliefert: Sozialistische Kandidaten seien „Parasiten", die sich am demokratischen Stammorgan festsaugen, um es von innen zu töten. Wer so spricht, will nicht beschreiben. Wer so spricht, will abgrenzen.
Die Pointe liegt nicht in der Beleidigung. Die Pointe liegt in der Vokabel. „Parasit" ist im politischen Lexikon der härteste Vorwurf, den ein Insider gegen einen anderen erheben kann. Wer sagt, der Andere lebe ohne eigene Substanz nur vom Wirt, sagt zugleich, dass der Wirt noch immer wertvoll genug ist, um ihn zu plündern. DeRosa gesteht also, was sie bestreitet: dass die Demokratische Partei ein Körper ist, der sich lohnen lässt. Sie sehen es auf der Bühne. Ich sehe das Schloss.
Es ist nicht mehr 1937. Aber das Spiel ist dasselbe: Züge, die auf dem Brett sichtbar werden, lange nachdem sie gemacht wurden. Damals wie heute starren die Bühnenfiguren ins Publikum, während hinter dem Samt die Hand aus dem Mantel gleitet. Ich trage Handschuhe. Auch beim Schreiben.
Schauen wir hinter den Vorhang. Der Democratic Socialists of America hat das Spiel nicht gestern eröffnet. DeRosa selbst datiert den Beginn auf das Jahr 2016, als Bernie Sanders gegen Hillary Clinton antrat. Damals wurde die Maschine gebaut. Achtzehn, nach Alexandria Ocasio-Cortez' Sieg gegen Joe Crowley, lief sie an. Mit der „Squad" entstand eine Grammatik des Aufstands — eine Sprache, die in jeden Bezirk getragen werden konnte, der einen Sitz zu verlieren hatte. Zohran Mamdani, inzwischen Bürgermeister von New York City, ist die Vollaussteuerung dieses Triebwerks. Er hat Darializa Avila Chevalier, Claire Valdez und den früheren Comptroller Brad Lander durch die Vorwahlen gefahren. Ihre Plattformen lesen sich wie die Spezifikation einer Bewegung: Abschaffung der ICE, universelle Gesundheitsversorgung, Kritik an Israel. Die Lila ist erwachsen geworden, auch wenn die Trägerinnen noch junge Gesichter tragen.
Auf der anderen Seite des Flusses sitzt Adriano Espaillat, Vorsitzender des Congressional Hispanic Caucus und Träger eines „hundertprozentigen Stimmverhaltens mit der Demokratischen Partei" — so formuliert es DeRosa selbst. Er glaube an öffentliche Sicherheit, an Chancen, an Innovation und an den Kapitalismus. Wofür er bestraft werden soll: dafür, dass er den Apparat hält, während die Andern ihn öffnen. Wer Espaillat angreift, greift den letzten verblichenen Statthalter des alten Vertrags an. Das weiß jeder, der das Brett kennt.
Nun der eigentliche Mechanismus. Wenn eine erfahrene Strippenzieherin das Wort „Parasit" wählt, dann nicht aus Verlegenheit, sondern aus Kalkül. Der Begriff liegt jenem Diskurs am nächsten, den das republikanische Lager seit jeher pflegt. Wenn eine prominente Demokratin eine Vokabel der Gegner adoptiert, signalisiert sie dreierlei: Ich bin bereit, mein Lager zu räumen; ich teile eure Diagnose; und ich biete mich an, als nützliche Interpretin der Feinde zu sprechen. Der Apparat, der einst Cuomo trug, macht sich damit zum Lieferanten für ein Narrativ, das nicht mehr das seine ist.
Mike Rogers, republikanischer Senatskandidat in Michigan, nimmt diesen Lieferschein höflich entgegen. „Willkommen in der modernen Demokratischen Partei", sagt er Fox News Digital. „Das ist nicht die Partei deines Vaters, nicht die deiner Großmutter." Die Pointe dieses Satzes: Es ist nicht Rogers, der die Partei definiert. Er definiert sich über das, was er zurückweist. Michigan nennt er „das Epizentrum" jener Drift. Abdul El-Sayed, getragen von Bernie Sanders, trete für ähnliche Politiken ein wie Mamdani, kritisiere die amerikanische Partnerschaft mit Israel und campagne an der Seite des Streamers Hasan Piker. „Verrücktheit gegen gesunden Menschenverstand", fasst Rogers zusammen. Ein Satz wie aus einem Lehrbuch der Zwischenkriegszeit, gezeichnet in jener Schrift, die uns hier vertraut ist — Klirren im Glas, Konturen aus Chrom.
Die Wahrheit ist, dass die Demokratische Partei in beiden Bildern verschwindet — im Bild der Parasiten, das DeRosa zeichnet, und im Bild des Erwachens, das Rogers malt. Beide Erzählungen sind Parasiten ein und desselben Stamms. Sie leben von der Vorstellung einer Partei, die es zu retten oder zu zerstören gilt. Die Partei selbst ist längst nur noch ein Möbel — schön, wenn das Licht richtig fällt, und leer, sobald man die Tür öffnet.
Was bleibt, ist die Frage der Sektion. Schneidet man das Stück heraus, an dem Chevalier sägt? Oder trennt man Espaillat aus, der noch immer den alten Vertrag hält? In Genf habe ich Männern in die Augen gesehen, die lächelten, während sie logen. Sie sprachen von „Vertragstreue", „Überprüfungsmechanismen", „wirksamer Durchsetzung". Es waren die schönsten Worte für die kältesten Manöver. Hier klingt es genauso. Man redet von „Parasiten" und von „Epizentren" und von der Seele der Partei. Und während man redet, wird die Seele verkauft.
Ich trage Handschuhe. Sie passen zur Jahreszeit.