← Zurück zur Titelseite Politik

Die Hände von Evian

2. Juli 2026 — — — Kastner

Evian-les-Bains, Juni 2026. Wer in diesen Tagen am Genfer See steht, sieht eine Welt, die sich sehr verändert hat, ohne es zuzugeben. Eine Hotelhalle, ein paar Händedrücke, eine Choreographie, die wir alle kennen — und doch eine, die 1937 niemand für möglich gehalten hätte. Damals, als die Welt das letzte Mal Schach spielte, saßen die Spieler noch in geschlossenen Räumen. Heute sitzen sie am Wasser und twittern hinterher, wie schön es war. Narendra Modi, Premierminister Indiens, absolviert am Rand eines G7, der längst kein G7 mehr ist und es doch nicht zugeben will, vier bilaterale Begegnungen in zweieinhalb Tagen. Ich notiere die Züge.

Beginnen wir mit Mark Carney, Kanadas neuem Premier, Nachfolger eines Mannes namens Trudeau, der seinen Schreibtisch nicht ohne Krach verließ. Carney reiste im Frühjahr 2026 nach Neu-Delhi, und das Wort, das alle benutzten, hieß „reset". Ein Neustart, wie man ihn in der IT kennt, wenn die Maschine hängt. Vier Begegnungen in weniger als einem Jahr, rechnet Modi vor — Kananaskis im Juni 2025, Johannesburg im November, und nun zweimal Evian. Wer sich so oft trifft, hat entweder viel zu besprechen oder viel zu verbergen. Beides, so viel lässt sich sagen, ist hier der Fall.

Denn im Hintergrund steht noch immer der Name Hardeep Singh Nijjar. 2023 in British Columbia erschossen, 2024 von Trudeau als Werk indischer Agenten benannt — ein Vorwurf, der die bilateralen Beziehungen an den Rand des Abbruchs führte. Neu-Delhi konterte, Ottawa schütze anti-indischen Extremismus nicht hinreichend, seine Diplomaten nicht. Nun also: „openly exchanging views", „friendly countries", „significant progress". So klingt es, wenn man sich nach einem Beinahe-Krieg wieder am Tisch gegenübersitzt. Der Handschlag ist ehrlich. Was er verbirgt, ist es nicht.

Die Beigabe kommt in einer anderen Währung. Cameco, das Department of Atomic Energy, Uranliefervertrag 2027 bis 2035, zweieinhalb Milliarden kanadische Dollar. Eine Security Energy Partnership wurde im März besiegelt. Im vergangenen Monat reiste Indiens Handelsminister Piyush Goyal mit über hundert Industrievertretern nach Kanada — eine Delegation, groß genug für eine Messe, klein genug, um nicht aufzufallen. Wer mit Brennstäben bezahlt wird, hat sich den Handschlag verdient. Indien kauft sich Optionen, Kanada verkauft sie teuer. Öl, Gas, Uran — alles, was Delhi braucht, um seine Energiesicherheit nicht in einem einzigen Lieferanten zu versenken. Wenn morgen die Straße von Hormuz schließt, hat Indien einen Plan B im Permafrost.

Tags darauf trifft Modi Keir Starmer. Großbritanniens Premier sitzt auf einem Stuhl, der wackelt — am Donnerstag eine Nachwahl, die Andy Burnham ins Parlament zurückbringen könnte, den großen Schattenmann der Labour-Partei. Man stelle sich das vor: bilaterale Gespräche über Freihandel, während daheim die eigenen Leute lauern. Der FTA, im Juli 2025 unterzeichnet, ist noch nicht in Kraft — ein lustiger Zustand für ein Dokument, das die Welt als Durchbruch feierte. Nun also der 15. Juli 2026 als Stichtag, wieder einmal eine Frist, wieder einmal ein Versprechen. Die Labour-Regierung hatte die Beziehungen zur Modi-Regierung neu justiert — Hindu-Briten als Wählergruppe, die gehalten werden will. Modi sagt es nicht. Er muss es nicht. Es steht in den Wahlanalysen.

Beide, Starmer und Modi, loben den amerikanisch-iranischen Friedensschluss vom Sonntag. Sie zollen „Präsident Trump Tribut", formuliert Downing Street, und Formulierungen aus Downing Street sind immer dann genau, wenn sie etwas verbergen müssen. Die Straße von Hormuz müsse ohne Maut und mit voller Navigationsfreiheit geöffnet werden. Ohne Maut. Wessen Maut? Wessen Navigationsfreiheit? Die Frage bleibt im Raum stehen.

Sheikh Mohamed bin Zayed Al Nahyan bekommt Modi ebenfalls. Man hatte sich im Mai gesehen, damals mit der angekündigten Erweiterung der Sicherheits- und Verteidigungskooperation. Das Handelsabkommen von 2022 wirkt im Licht von 2026 wie ein Vorgriff auf etwas, das erst gebaut werden musste — Pakistan und Saudi-Arabien hatten ein gegenseitiges Verteidigungsabkommen geschlossen, und Indien antwortet, wie es immer antwortet: mit Gegengewichten, mit Emiraten, mit kleinen blauen Bindestrichen auf großen Landkarten. Die iranischen Angriffe auf die Emirate seit Ausbruch des Westasien-Konflikts Ende Februar — ein indischer Toter im März, „expatriate community" als Codewort für eine Million Menschen, die als Sicherheitsventil dienen.

Am zweiten Tag dann die Bühne, vor der alle sitzen: „Forging New Partnerships and Rebuilding International Solidarity". Modi spricht von einem Mangel an Vertrauen in der Welt. Wer in Evian das sagt, während er am selben Tag drei bilaterale Gespräche führt und einen vierten mit Trump ankündigt, der meint nicht Vertrauen im Allgemeinen. Er meint: Vertraut mir, weil die anderen es nicht tun. Trump sagt, Amerika werde Indien verteidigen, wenn es angegriffen wird. Modi hebt die Sicherheit der Seeleute an, und das Thema künstliche Intelligenz sowie soziale Medien steht auf der Tagesordnung — als wäre die Zukunft ein Sicherheitsproblem und nicht ein Freiheitsversprechen. Bilaterale Gespräche mit Washington: Handelsabnahme, Verteidigung, Energie, kritische Mineralien. Eine Einkaufsliste.

Am Abend trifft Modi Wolodymyr Selenskyj. „Wir sind immer auf der Seite des Friedens", sagt er, „die Menschheit über alles". Man schaue sich diesen Satz an. Er sagt alles und sagt nichts. Er ist einwandfrei, und gerade deshalb verdächtig. Indien will die Handelsbeziehungen zur Ukraine auf das Vorkriegsniveau zurückführen — als wäre Handel ein neutrales Terrain. Handel ist niemals neutral.

Was bleibt, nach diesen Tagen in Evian? Eine Inszenierung, so dicht gewebt, dass kaum ein Faden herausragt. Vier Begegnungen mit Carney in einem Jahr — wer braucht das, wenn er sich vertraut? Ein Handelsabkommen mit London, das ein Jahr zwischen Unterschrift und Inkrafttreten verbringt — wer feiert das, wenn er es ernst meint? Ein Uranvertrag über Milliarden, eine Energiepartnerschaft, ein Sicherheitsabkommen mit Abu Dhabi — wer sammelt so vieles auf einmal? Es sammelt, wer Alternativen baut. Wer dafür sorgt, dass morgen, wenn ein Lieferant wankt, vier andere stehen.

Offen bleibt — und hier wird die Akte dünn —, wer eigentlich die Tagesordnung geschrieben hat. Ob Indien es ist, das sich seine Optionen sichert, oder die G7, die sich einen aufstrebenden Partner ins Bild hängt. Ob die Straße von Hormuz ohne Maut ein Versprechen ist oder ein Köder. Ob der Frieden mit dem Iran hält. Ob Burnham am Donnerstag verliert oder gewinnt, und was dann mit Starmer geschieht, und was dann mit dem britisch-indischen Handel. Ob die „Humanität" des Premiers, von der er Selenskyj gegenüber spricht, in den UN-Sälen dieselbe ist wie in den Lieferketten seiner Industrie.

In Evian trägt man Handschuhe, auch im Sommer. Sie sind aus weißem Leder, makellos, und sie sagen mehr als die Hände darunter. Die Handschuhe sagen: Ich berühre dich, aber ich berühre dich nicht. Die Diplomatie ist ein Handschuhmachergewerbe geworden. Man verkauft das Leder und behält die Hände. Und das Schachspiel? Es ging 1937 weiter, und es geht 2026 weiter. Nur die Namen der Figuren haben sich geändert.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite