Der Rucksack im Foyer — Monacos erste Bombe
Es hätte ein Montag wie jeder andere werden können in Monaco, dieser Stadt, die sich als das letzte sichere Haus Europas verkauft. Stattdessen steht jetzt ein Rucksack im Polizeiprotokoll. Zwölf Bolzen drin, Schrot, ein Zündmechanismus. Altmodisch. Effizient. Jemand hat das Ding in die Lobby eines Luxusapartments gestellt, ist gegangen, hat zugesehen. Dann ist er gelaufen, in Richtung der französischen Grenze. Auf dem CCTV: dunkles Oberteil, Fischerhut, ruhiger Schritt. Das ist kein Dilettant.
Vadym Iermolaiev, ukrainischer Oligarch, hat überlebt. Seine Frau nicht ganz. Sie liegt in einem Krankenhaus an der Côte d'Azur, beide Füße verloren, was die Daily Mail so nüchtern meldet wie ein Telegramm aus dem Felde. Der dreizehnjährige Sohn ebenfalls verletzt, aber am Leben. So will es die Pressekonferenz des monegassischen Staatsanwalts Stéphane Thibault: Die Frau in Lebensgefahr, der Mann nicht mehr in kritischem Zustand, das Kind außer Lebensgefahr. Alles ist abgezählt. Alles ist amtlich.
Wer so formuliert, der hat Anwälte im Raum. Und vermutlich PR-Leute des Fürstentums. Denn was am Montagabend gegen halb acht an der Avenue Princesse Alice passiert ist, das hat in dieser Stadt noch nie stattgefunden. Christophe Mirmand, monegassischer Staatsminister, sagt es selbst: "beispiellos in der Geschichte des Fürstentums." So weit die offizielle Lesart.
Die inoffizielle Lesart ist die, die niemand aussprechen will.
Wer wusste, dass die Familie am Abend nach Hause kommen würde? Wer kannte den Eingang, den Grundriss, die Gewohnheiten? Sicherheitskreise, zitiert von der Daily Mail, sprechen von einer minutiös geplanten Attacke, ausgeführt von jemandem, der die Bewegungen der Familie kannte. Das ist kein Zufall. Das ist ein Auftrag. Und ein Auftrag hat einen Empfänger.
Wer profitiert davon, wenn ein ukrainischer Oligarch in Monaco verletzt wird? Die Antwort steht nicht in der Pressekonferenz. Sie steht auch nicht in den Beilagen der Wirtschaftsblätter. Sie steht in den Hafenbüchern von Odessa, von Mykolajiw, von Chornomorsk. Iermolaiev gehört, direkt oder über ein Geflecht aus Firmen, ein erheblicher Teil der ukrainischen Hafeninfrastruktur am Schwarzen Meer. Wer ihn ausschaltet, schaltet keinen Mann aus. Der schaltet einen Knotenpunkt aus. Wer einen Knotenpunkt ausschalten will, braucht keinen großen Knall. Der braucht einen Rucksack, zwölf Bolzen, einen Helfer an der Grenze und eine Stadt, die das Offensichtliche nicht aussprechen will.
Die Pressekonferenz sagt: kein Terrorismus. Nur versuchter Mord. Die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eröffnet, in Frankreich läuft ein Spiegelverfahren, die Motive sind unklar. Das ist die Sprache der Juristen. Die Sprache der Politik ist eine andere. In die eine Schublade kommt alles, was das Fürstentum in Alarm versetzt und Touristen verschreckt. In die andere Schublade kommt, was zwischen zwei Oligarchen, zwei Geschäftspartnern, zwei alten Rechnungen passiert. Iermolaiev steht in der zweiten Schublade. Monaco will ihn dort sehen.
Fürst Albert II. hat das Attentat als "abscheuliche Tat" verurteilt. Das ist die offizielle Sprache. Sie sagt nichts. Was nicht gesagt wird, ist schwerer wiegend.
Unklar bleibt, wer hinter dem Anschlag steckt. Unklar bleibt, ob die Daily Mail mit ihrer Schlagzeile "Mistress" recht hatte oder ob es, wie die späteren Berichte schreiben, wirklich die Ehefrau war. Unklar bleibt, warum ausgerechnet jetzt, da der Krieg in der Ukraine kein Ende nimmt, ein Oligarch aus diesem Land auf monegassischem Boden verletzt wird. Unklar bleibt, warum die Ukraine selbst sich so auffallend zurückhält. Das Außenministerium in Kiew lässt ausrichten, die Botschaft in Frankreich, die auch für Monaco zuständig ist, sei in Kontakt mit den lokalen Behörden, ukrainische Diplomaten seien vor Ort. Das klingt nach Routine. Es klingt nicht nach Empörung. Es klingt nicht nach: Unser Bürger wurde auf fremdem Boden angegriffen. Es klingt nach: Wir verfolgen das, aber bitte keine großen Wellen.
Irgendetwas fehlt.
Irgendwo unten am Hafen singt heute Abend jemand. Evelyn, die Sängerin aus dem Café gegenüber, deren Stimme nach Bourbon klingt und nach allem, was diese Stadt nie sein wollte. Sie weiß es noch nicht. Sie wird es morgen in der Zeitung lesen, zwischen den Todesanzeigen und dem Wetterbericht. Und sie wird weiter singen, denn so sind wir. So sind wir immer gewesen.
Bourbon in der Schublade, Schreibmaschine vor mir, das Licht vom Café gegenüber flackert. Iermolaiev lebt. Die Wahrheit über den Rucksack ist noch nicht im Protokoll. Sie ist irgendwo zwischen Monaco und der ukrainischen Grenze, zwischen zwölf Bolzen und einer sehr langen Rechnung. Und morgen früh, wenn die Sonne über dem Hafen aufgeht, werden alle so tun, als hätte jemand nur eine Streichholzschachtel fallen lassen.