Fünf am Tag reicht nicht — wessen Tagebuch wird hier gezählt?
Eine neue Studie sagt: Die berühmten fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag reichen nicht. Weniger als ein Viertel derjenigen, die sich brav an die Richtlinien halten, kommen auf die 500 Milligramm Flavanole pro Tag, die — laut derselben Studie — das Herz retten sollen. Die Lösung liest sich wie eine Einkaufsliste für ein Feinkostgeschäft: Blaubeeren, Pflaumen, Brombeeren, Bohnen, Kirschen. Dazu grüner Tee.
Ich notiere. Ich rauche. Ich frage mich leise, wem das nützt.
Flavanole sind Pflanzenstoffe. Eine Untergruppe der Polyphenole. Antioxidantien, sagen die Einen. Bioaktive Substanzen, sagen die Anderen. Sie sollen die Durchblutung verbessern, Entzündungen drücken, das Risiko verringern, am Herz zu sterben. Die COSMOS-Studie, die größte randomisierte kontrollierte Untersuchung zu Polyphenolen, will eine Reduktion der kardiovaskulären Mortalität um 27 Prozent gezeigt haben — bei täglich 500 Milligramm Flavanolen.
Zahlen klingen nach Tatsachen. Tatsachen klingen nach etwas, das man messen kann. Etwas, das man in Kapseln füllen kann.
Dreißig Jahre im Labor. Ich habe drei Fragen gelernt. Wer hat bezahlt? Wer hat widersprochen? Was wurde nicht gemessen?
Die Autoren dieser neuen Arbeit kommen von der University of Reading, von Harvard Medical School, von der University of California in Davis. Und von Mars, Incorporated. Mars. Der Schokoriegel. Die Firma, die seit Jahren konzentrierte Flavanol-Produkte als Nahrungsergänzung verkauft. Die Firma, die eigene Forschungsinstitute zu Flavanolen unterhält. Die Firma, die das COSMOS-Material mitgeliefert hat. Die Firma, die ein handfestes Interesse daran hat, dass Flavanole nicht länger ein Nebenprodukt von fünf Portionen Obst sind, sondern eine eigene Kategorie. Eine eigene Empfehlung. Eine eigene tägliche Dosis.
Das steht nicht in der Schlagzeile. Es steht in der Feinstaub-Zeile der Autorenschaft. Wer liest schon Feinstaub?
30.000 Erwachsene aus den USA und Großbritannien wurden durchgerechnet. Geschätzt wurde ihr Flavanol-Konsum aus Diätfragebögen. Gemessen wurden die Biomarker. Gemessen wurden nicht — und das ist die zweite Seite der Medaille — die kardiovaskulären Endpunkte dieser 30.000 Menschen selbst. Man hat also nicht bewiesen, dass diese Probanden seltener am Herzen starben als andere. Man hat gezeigt, dass sie wahrscheinlich zu wenig von einem Stoff hatten, den eine andere Studie — mit Geldern und Know-how aus dem Mars-Konzern — für herzschützend hält.
Ich sage nicht, dass Flavanole Quacksalberei sind. Ich sage, dass die Architektur dieses Beweises verdächtig vertraut aussieht. Eine Nährstoffklasse wird isoliert. Ein Schwellenwert wird gesetzt. Eine Industrie liefert genau diesen Stoff in konzentrierter Form. Am Ende steht nicht mehr der Apfel vom Markt, sondern die Kapsel aus der Apotheke. Der Patentschutz lächelt leise mit.
Was wurde nicht gemessen? Die kardiovaskulären Ergebnisse dieser 30.000, geschichtet nach ihrer tatsächlichen Flavanol-Aufnahme. Man hat Modelle gerechnet, keine Endpunkte gezählt. Was wurde nicht kontrolliert? Ob die Menschen, die viele Blaubeeren essen, nicht auch sonst ein anderes Leben führen — weniger rauchen, mehr zu Fuß gehen, mehr Geld auf dem Konto, mehr Schlaf, weniger Stress. Was bleibt im Nebel? Welche Rolle genau die Mars-Mitarbeiter in der statistischen Auswertung spielten. Welche Daten sie vor Veröffentlichung sahen. Ob es Sperrfristen gibt — und wann sie enden.
Die WHO empfiehlt fünf Portionen. Großbritannien empfiehlt fünf Portionen. Die USA empfehlen fünf Portionen. Sie alle, so die neue Studie, könnten ihre eigenen Ziele verfehlen — vorausgesetzt, man setzt die Brille der Flavanol-Forscher auf. Das ist, als würde man die Landkarte neu zeichnen, nachdem man das Versteck bereits kennt.
Früher hieß es schlicht: Iss mehr Obst. Dann hieß es: Iss bunt. Jetzt heißt es: Iss das richtige Obst, in der richtigen Menge, gemessen am richtigen Stoff. Morgen, fürchte ich, heißt es: Kauf die Kapsel.
Ich klopfe die Pfeife aus. Das Labor hat mich ohnehin nicht vermisst.
Die Frage, die bleibt: Wenn ein Schokoladenkonzern mitforscht, mitfinanziert, mitdefiniert — wessen Herz wird hier eigentlich geschützt, und wessen Markt?