Eine Frage, ein Schweigen, ein zweiter Sullivan
Manche Sätze sagen mehr durch das, was fehlt. Joe Kernen, Moderator bei CNBCs „Squawk Box", stellte am Mittwochmorgen eine Frage, die in ihrer Schlichtheit kaum zu überbieten war. „Where has socialism ever worked, senator?" Delaware Senator Lisa Blunt Rochester, befragt zu den drei sozialistischen Vorwahlsiegen in New York, wich aus. Darializa Avila Chevalier, Claire Valdez, Brad Lander — alle drei demokratische Sieger über amtierende Abgeordnete. Die Senatorin feierte das „engagement" der Wählerschaft, verwies auf den 250. Jahrestag der Republik, sprach von „politics are local". Und dann jene andere Kandidatin, Mary Peltola in Alaska, die mit „fish, family and freedom" werbe, was vielleicht „nicht in New York funktioniere". Die Frage selbst blieb im Raum stehen wie ein Möbelstück, an dem man höflich vorbeigeht, weil es nicht zum Teppich passt.
Man darf die Geste nicht für Naivität halten. Sie ist Strategie. Eine Senatorin ihrer Partei, befragt zum Funktionieren einer Idee, die in den eigenen Reihen gerade neu verhandelt wird, hat exakt zwei Optionen: bestätigen oder verneinen. Beides kostet. Also wählt sie den dritten Weg — das Parlando, die Ortsnamen, das Lokalkolorit, die endlose Variation der regionalen Verpackung. Eingewickelt in die Binsenweisheit, Politik sei „lokal", verschwindet die Systemfrage. Es ist die alte Disziplin der Diplomatie: man sagt viel, damit man nichts sagen muss.
Dass die Frage, Kernens eigenem Eingeständnis zufolge, rhetorisch gewesen sei und er sie „sich selbst beantwortet" habe, ändert nichts. Die fehlende Antwort ist die Aussage. Wer schweigt, wenn Sozialismus gefragt wird, hat die Frage bereits beantwortet — nur auf jene Weise, die im Fernsehen nicht als Zitat zählbar ist, sondern im Gedächtnis bleibt als: sie wusste es, oder sie wollte es nicht sagen.
Dann Alaska.
Richter Thomas Matthews, bestellt 2018 vom damaligen Gouverneur Bill Walker, entschied am Freitag, dass ein gewisser Daniel J. Sullivan auf dem Stimmzettel für den US-Senat stehen darf — als „Dan Sullivan", Republikaner. Dass ein gleichnamiger republikanischer Amtsinhaber, Senator Dan Sullivan, ebenfalls kandidiert, sei Zufall, sagen seine Anwälte. Die Beamten der Alaska Division of Elections sahen das anders. Sie hatten festgestellt: Der Kandidat habe „nie eine Registrierung oder einen Antrag auf Wahlzulassung" unter dem Namen Dan Sullivan eingereicht. Sein Antrag listete ihn als „Dan S. Sullivan" — denselben Mittelnamen wie der Amtsinhaber. Webseite und Slogan, fanden die Beamten, glichen denen des Senators auffallend. Auf Aufforderung habe der falsche Sullivan keine weiteren Belege für die Legitimität seiner Kandidatur vorgelegt.
Man kannte zudem seinen Berater. Es ist, wie die Untersuchung dokumentiert, ein bekannter Unterstützer von Mary Peltola — Demokratin, Senatskandidatin in eben jenem Rennen.
Es ist die Architektur, die zählt. Wer profitiert vom Ausweichen in New York, wenn nicht das Lager, das das Wort nicht in den Mund nehmen will und es dennoch im Vorwahlzettel führt? Wer profitiert in Alaska vom zweiten Sullivan, wenn nicht Peltola? Zwei Episoden, ein Personalbestand, eine Logik: Umdeuten, Umrahmen, Umetikettieren. In New York die Umarmung des Begriffs durch das Verfahren. In Alaska die Umarmung des Stimmzettels durch den Doppelgänger. Beide Male spricht das Procedere, ohne dass die Frage ausgesprochen werden muss.
Was offen bleibt, ist die Frage, die Joe Kernen stellte und die Senatorin Rochester gehen ließ. Unklar bleibt, wer jenseits der dokumentierten Beraterverbindung hinter der Sullivan-Kandidatur steht, und ob Matthews' Entscheidung vor dem Obersten Gericht des Bundesstaats hält — die Drucklegung der Stimmzettel ist für den 28. Juni angesetzt. Was bleibt, ist das Muster: eine Frage, die nicht beantwortet werden darf. Ein Name, der zweimal gedruckt werden soll. Und eine Maschinerie, die das Verfahren so gut versteht, dass es ihr genügt.
Sehen wir weiter hin.