Die 72-Prozent-Lüge: Wer an Europas Klimaanpassung verdient
Berlin/Brüssel. Als die Schienen sich bogen, war es zu spät für Plakate. Ein Güterzug in Schweden entgleiste, weil das Metall bei Temperaturen über 40 Grad nachgab. In Deutschland fielen Züge aus. In Polen kollabierten Stromnetze. In Spanien zählte man tausend Tote, die der Junihitze zugerechnet werden. Und ein polnischer Vizeminister namens Krzysztof Bolesta sagte das, was man in Brüssel ungern hört: „Wir waren nicht gut genug in der Anpassung."
Die Überschrift gehört der Technik, nicht der Moral. Eine Schiene, die sich bei Hitze ausdehnt, folgt physikalischen Gesetzen — keine App der Welt ändert das. Aber wer festlegt, wie viel Geld in diese Schiene fließt, folgt politischen Gesetzen. Und hier beginnt meine Ermittlung.
Die Zahlen, die Brüssel selbst vorlegt: Zwischen 2021 und 2025 gingen 72 Prozent der klimabezogenen EU-Ausgaben in Vermeidung — also in die Reduktion von Treibhausgasen. 18 Prozent gingen in Anpassung — also in das, was Menschen heute vor Hitze, Dürre und Stürmen schützt. Neun Prozent berührten beides. Vier zu eins. Das ist das Verhältnis, in dem Europa seine Zukunft bucht.
Vermeidung lässt sich inszenieren. „Net-zero bis 2050" steht auf Konferenzbühnen, in Pressemitteilungen, in Wahlprogrammen. Es klingt nach Aufbruch. Anpassung klingt nach Klimageräten in Schulen, hitzebeständigem Asphalt, kühleren Krankenhäusern. Es klingt nach Kosten heute, Nutzen morgen — und nach einer Buchhaltung, die kein Wahlkampfsystem mitreißt.
Ich höre in diesen Zahlen eine Frequenz, die andere überhören. Es ist die Frequenz verschobener Verantwortung. Die EU-Kommission sagt: Anpassung ist Sache der Mitgliedstaaten. Klimakommissar Wopke Hoekstra formulierte es so: „Es hat keinen Sinn, von Brüssel aus den Griechen oder Spaniern vorzuschreiben, wie sie Waldbrände bekämpfen sollen. Sie wissen das viel besser als wir, so wie die Holländer besser wissen, wie man Deiche baut." Schöner Satz. Subsidiarität, klingt nach Respekt vor lokalem Wissen.
Aber Subsidiarität ist auch eine elegante Form der Abdrehung. Brüssel behält die Zuständigkeit für die großen Schaufensterzahlen — 2050, Klimaneutralität, Vorreiterrolle. Die Mitgliedstaaten behalten die Zuständigkeit für kaputte Schienen, fehlende Hitzeschutzpläne und Bestattungskosten. In der Mitte entsteht eine Lücke, durch die im Juni tausend Spanier fielen.
Die Strukturanalyse: Wer profitiert von der Vermeidungslastigkeit? Nicht die spanischen Rentner, die ohne Klimaanlage starben. Nicht die polnischen Familien, die stundenlang ohne Strom saßen. Es profitieren die Beratungsfirmen, die Klimaneutralitäts-Roadmaps schreiben und in Euro abrechnen. Die Energiekonzerne, die mit Zertifikaten handeln. Die Branchen, die sich den grünen Anstrich leisten können, während kleine Betriebe die Anpassungskosten allein tragen. Die Quellen offenbaren ein Muster: Die Mittel fließen dorthin, wo sich PR-Werte erzeugen lassen — nicht dorthin, wo Menschen sterben.
Was bleibt offen? Welche Beamteneinheit in der Kommission das Verhältnis 72 zu 18 festgelegt hat. Welche Lobbygespräche die Verschiebung begleiteten. Ob der für 2026 angekündigte „Klimaresilienzplan" die Lücke schließt oder nur umetikettiert. Die Quellen schweigen an dieser Stelle — und das Schweigen ist selbst ein Datum.
Europa erwärmt sich schneller als jeder andere Kontinent. Das ist nicht mehr Wetterbericht. Das ist eine Bilanz, in der eine Seite Aufwand bucht und die andere Tode. Die Drähte summen weiter. Ich übersetze, was zu hören ist — und was zu hören wäre, wenn jemand zuhörte.