Der Fan, der Bürokratie wurde — über die Schaltstellen der Macht in Chennai
Chennai, Juni 2026. Die Drähte summen. Ich übersetze.
Vier Worte in einer Mitteilung auf X, dann geht eine Tür auf: „Private Secretary to the Hon'ble Chief Minister." Am 22. Juni, dem 52. Geburtstag des neuen Chief Ministers C. Joseph Vijay, wird Jagadish Palanisamy ins Herz der Verwaltung Tamil Nadus gesetzt. Der Mann, der einmal in der Schlange stand, um ein Foto mit seinem Star zu ergattern, steht nun neben ihm — mit Zugang zu Terminen, Korrespondenz und vermutlich auch zu dem, was zwischen Tür und Angel verhandelt wird.
Die Ernennung selbst ist auf ihre Weise bemerkenswert. Ein Government Order, veröffentlicht nicht von einer Pressestelle, sondern vom Ernannten selbst, über seinen privaten Social-Media-Account. Die Exekutive eines Bundesstaates verkündet ihre Personalentscheidung über einen Post des Begünstigten. Wer kontrolliert hier die Kommunikation — der Apparat, oder der neue Mann im Apparat? Ich notiere das auf der Frequenz, die andere überhören.
Palanisamy ist kein Unbekannter, aber auch kein Verwaltungsmensch. Sein Lebenslauf liest sich wie das Drehbuch eines zweiten Akts: Manager des Musikers GV Prakash Kumar, Netzwerker in der tamilischen Filmindustrie, 2020 Gründer der Firma The Route — Celebrity Management und Filmproduktion in einem. The Route produzierte Vijays Blockbuster „Master" und „Leo", beide unter Lokesh Kanagaraj, dazu „Maharaja" mit Vijay Sethupathi, „Revolver Rita" mit Keerthy Suresh. Die Firma vertritt heute Schauspielerinnen wie Samantha Ruth Prabhu, Keerthy Suresh, Rashmika Mandanna und Regisseure wie Atlee. Das ist kein Talentbüro. Das ist eine Schaltstelle.
Und hier beginnt es nach Lötzinn zu riechen. Dieselbe Firma, die Vijays Filmkarriere vermarktete, soll laut Berichten auch eine bedeutende Rolle im Wahlkampf seiner Partei Tamilaga Vettri Kazhagam gespielt haben. Palanisamy selbst wurde Co-Treasurer der Parteizentrale. Wer die Kasse einer neuen Partei führt, wer den Star inszeniert, wer die Termine setzt — in einer aufstrebenden politischen Bewegung sind das oft dieselben Hände. Nun sitzt eine dieser Hände im Büro des Chief Ministers. Nicht als externer Stratege, sondern als Private Secretary — jene Position, die in der indischen Verwaltung Informationen filtert, Termine steuert und Agenda formt. Der Private Secretary ist das Sieb zwischen Wissen und Macht. Wer dieses Sieb kontrolliert, schreibt mit an der Tagesordnung.
Man darf die Frage stellen. Wessen Interessen bedient The Route in dieser Konstellation? Eine Firma, die Künstler verwaltet, Filme produziert, Wahlkämpfe mitstrukturiert — und deren Chef nun an der Schaltstelle zwischen Unterhaltung und Regierung sitzt. In den Telegrafenbüros nennt man das eine Fusion. In der Verwaltung nennt man es Interessenkonflikt. Hier nennt man es vielleicht Erneuerung.
Drei Tage nach der Ernennung, am 25. Juni, lässt Vijay 300 neue Busse an seinem Amtssitz vorfahren: 164 Diesel, 136 CNG, Gesamtkosten 127 crore Rupien. Danach steigt er selbst in einen Bus Richtung Perambur, zahlt passend. Ein Bild, das gemacht ist, um zu zeigen: Der Star ist Minister, der Minister ist Mann des Volkes. Ich notiere das nicht als Skandal. Ich notiere es als Methode. Wer ein solches Bild inszenieren kann, hat Leute, die wissen, wie Bilder wirken.
Was bleibt offen — und das benenne ich, anstatt zu erfinden. Unklar bleibt, welche Befugnisse der neue Private Secretary im Detail erhält. Unklar bleibt, ob seine Firmenbeteiligungen offengelegt oder in eine Treuhand überführt werden. Unklar bleibt, ob Regierungsaufträge — Studio-Genehmigungen, Steuererleichterungen, Drehgenehmigungen — über denselben Schreibtisch laufen wie Castinglisten. Unklar bleibt, wer eigentlich die Mandantenliste von The Route vollständig kennt und wem sie nützt.
Was ich höre auf den Drähten: Wenn ein Talentmanager zum Private Secretary wird, ist die Trennung zwischen Bühne und Büro keine mehr. Dann braucht das Entertainment-Imperium keine eigenen Türen mehr. Es sitzt hinter der ersten Tür des Staates.
Ada Voss meldet aus dem Äther. Kaffee kalt, Lötkolben warm.