KANE, DER RETTER — WER RETTET ENGLAND VOR SICH SELBST?
Wieder Kane. Wieder spät. Wieder doppelt. England 2, DR Kongo 1. Die 75. Minute, der Kopfball zum Ausgleich, dann das Siegtor. Klingt nach Heldenerzählung. Riecht nach Erlösung. Und hinter dem Weihrauch steht die eine Frage, die niemand stellen will: Wenn England immer gerettet werden muss, von wem wird England dann regiert?
Ich sitze in der Redaktion. Bourbon in der Schublade. Das Licht vom Café unten, das Klicken der Schreibmaschine. Evelyn singt irgendwo, leise, eine Hymne auf den Untergang. Und ich lese die Schlagzeilen: Tuchel „schwärmt" von Kane. Tuchel schwärmt. Natürlich schwärmt er. Was soll er auch sagen? Dass sein System Kane braucht wie der Säufer die Flasche? Dass ohne diese zwei Tore in den letzten Minuten alles vorbei gewesen wäre gegen einen Außenseiter, der als Außenseiter angereist war?
Michael Owen schreibt: Kane sei der beste Stürmer, den England je hatte, einer, dem der Instinkt zum Tor erst eingetrichtert werden musste. Owen. Der Mann, der nach der eigenen Karriere nichts mehr zu sagen hatte als über die, die nach ihm kamen. Was nährt dieses Urteil aus zweiter Hand? Welche Gefälligkeit steckt hinter dem Lob, das die Zeitung dann druckt?
Und da ist Rooney. Wayne Rooney, der weiß, wie es sich anfühlt, eine Nationalelf nicht tragen zu können. Sein Verdikt nach dem 2:1: „We're in big trouble" — wir sind in großen Schwierigkeiten. Ein Sieg, der sich anfühlt wie eine Heimniederlage. Rooney ist jetzt der Experte. Wer hat ihn auf diesen Posten gesetzt? Welche Sendung, welche Plattform, welches Geschäft dahinter?
Rooney nennt einen Spieler, den Tuchel nicht nominiert hat, einen Außenseiter, den der Trainer „bereuen" könnte, nicht berufen zu haben. Eine rechte Verteidigungskrise, sagt er. Ein Mittelfeldproblem, das gelöst werden müsse. Rooney sagt das, als hätte er einst selbst die Lösung besessen, als er noch spielte. Vielleicht hat er sie nie besessen.
Die Berichte, die ich hier entziffere, benennen einen Spieler mit dem „broken record", der das Team im Stich lässt. Sie benennen ihn nicht. Sie nennen eine Zahl, die belegen soll, dass der Angriff „eindimensional" sei. Eindimensional. Das Wort klebt an Kane wie Zigarrenrauch an der Jacke. Wenn alles durch einen Mann läuft, ist das Stärke oder Bankrott?
Offen bleibt, wer dieser Spieler ist. Unklar bleibt, wer ihn schützt. Nicht bewiesen, nur nahegelegt durch die Struktur der Berichterstattung: dass dieselbe Maschinerie, die Kane zum Heiligen aufbaut, einen anderen als Sündenbock verbraucht.
Offen bleibt auch, warum Tuchel nach dem Spiel gegen Kongo nicht handelt. Er weiß um das Mittelfeldproblem, schreibt die Presse. Er weiß, welcher Spieler nicht mehr beginnen darf. Aber Wissen ohne Konsequenz ist Komplizenschaft.
Die nächste Runde wartet: Mexiko. Das Land der Gastgeber. Wieder wird Kane gebraucht werden. Oder wieder wird er nicht liefern. Und die Schlagzeilen werden heißen: „Kane rettet". Oder: „Kane scheitert". Oder, schlimmer: „Kane allein gelassen".
Was sich hinter den Kulissen vorbereitet, liegt im Dunkeln. Die Transfermärkte, die parallel laufen — Tottenham, das einhundert Millionen Pfund für neue Mittelfeldmacher ausgibt, während Kane auswärts die Nation zusammenhält — sind Teil desselben Rätsels. Wer füttert diese Maschine? Wer wird gefüttert?
Kane ist Sündenbock und Heiliger zugleich, solange die Struktur bleibt: ein Mann vorne, viele Berater hinten, ein Trainer, der schwärmt, statt zu handeln. Die Frage ist nicht, ob Kane trifft. Die Frage ist, wer das nächste Mal an seiner Stelle steht.
Niemand. Das ist die Antwort. Und genau das ist der Skandal.