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Madras und die Kunst des geordneten Verschwindens

2. Juli 2026 — — — Kastner

Man muss kein Hellseher sein, um in Madras die Handschrift zu lesen. Man muss nur wissen, wann ein Mann seinen Direktorenposten räumt — und wann er es lässt.

Am 6. April 2026 hat Justice G.K. Ilanthiraiyan am Madras High Court die Strafverfolgung des indischen Finanzamts gegen Gautham Vasudev Menon niedergeschlagen. Ein kleines Wort mit großer Wirkung: quashed. Der Vorwurf lautete, Photon Kathas Production Private Limited, eine Filmproduktions- und Vertriebsfirma mit Sitz in Chennai, habe für das Veranlagungsjahr 2013/14 keine Einkommensteuererklärung abgegeben. Menon war angeklagt, weil er Direktor war — war. Denn der Richter stellte fest, dass der Mann seinen Posten bereits am 2. Mai 2011 niedergelegt hatte, zweieinhalb Jahre vor dem relevanten Zeitpunkt. Was folgt, ist die höfliche Geste indischer Justiz: Die Verfolgung gegen Menon wird eingestellt, gegen die übrigen Direktoren jedoch geht sie weiter. Saubere Linie, präziser Schnitt. Menon verschwindet aus der Akte, die anderen bleiben — und mit ihnen die Frage, wer in jenen Jahren eigentlich unterschrieben hat.

Vier Wochen später, am 30. April 2026, derselbe Gerichtshof, ein anderer Richter. Justice Senthilkumar Ramamoorthy räumt die Hindernisse für die Veröffentlichung des Tamil-Films Dhruva Natchathiram mit Chiyaan Vikram und Aishwarya Rajesh in der Hauptbesetzung beiseite. Seit Jahren blockiert, soll der Film bis spätestens 15. Juni erscheinen. Das Rezept des Gerichts: ein eigenes Konto bei einer staatlich anerkannten Bank, eingerichtet auf den Namen der Produktionsfirma Kondaduvom Entertainment. Alle finanziellen Transaktionen für die Veröffentlichung sollen darüber laufen. Der Richter bemängelt das Fehlen strukturierter Finanzierung im Tamil-Filmbusiness — und liefert die Struktur gleich mit. Ein Jurist als Architekt der Buchhaltung. Wer auch immer dieses Konto verwaltet, verwaltet von nun an die Uhr des Films.

Dann die dritte Akte. Eine Division Bench unter Justices P. Velmurugan und K. Govindarajan Thilakavadi bestätigt eine Entscheidung von Justice P.T. Asha vom 29. September 2023: Fujitsu General (Thailand), vertreten durch seinen Direktor Noriaki Terashima, klagt gegen das in Chennai ansässige Unternehmen ETA (Emirates Trading Agency) General Private Limited auf 19 Millionen Dollar nebst sechs Prozent Zinsen pro Jahr seit dem 6. April 2022. Klimaanlagen, Rechnungen aus dem Jahr 2019. ETA wollte, dass der Rechtsstreit — wie in einem Master Technical Licence and Distribution Agreement vom 22. Dezember 1999 mit der japanischen Mutter Fujitsu General Limited vereinbart — vor ein Schiedsgericht geht. Das Gericht weigert sich. Die Bestellungen und Rechnungen, so die Richter, seien unabhängig von jenen Verträgen. Das group concept greife hier nicht. Die geographische Aufteilung der Fujitsu-Welt — Japan, Singapur, Thailand, Indien, neuerdings Puducherry geschlossen und durch die 2018 gegründete Fujitsu General India Private Limited ersetzt — wird zur juristischen Landkarte. Wer wo welche Verträge schloss, entscheidet, wer wo verklagt werden kann. ETA argumentierte, die japanische Mutter habe keine Ingenieure für die Produktionsstätte in Puducherry liefern können; man habe schließen müssen. 2019 kündigte FGL die Vereinbarung und trat ab 2020 selbst auf dem indischen Markt auf. Ob dies Treuebruch oder bloße Geschäftsumstellung war, bleibt offen — das Gericht entschied nur über die Zuständigkeit, nicht über die Schuld.

Drei Fälle, ein Flur. Direktoren, die rechtzeitig verschwinden. Produktionskonten, die plötzlich existieren müssen. Konzernverträge, die nur dort binden, wo es der Mutter nützt. Was sich hinter dem Vorhang der Akten zeigt, ist eine Stadt, die ihre Geschäfte mit Papier und Pinselstrich führt. Madras, das ist nicht nur ein Gerichtshof — das ist eine Schule des geordneten Rückzugs. Wer seine Unterschrift vor dem Datum platziert, der sichert sich ab. Wer seine Produktion ohne Konto beginnt, muss auf den Richter warten. Und wer glaubt, ein 1999 geschlossener Vertrag schütze ihn heute, der hat nicht begriffen, dass Verträge in Madras an Archiven hängen, nicht an Absichten. Die offenen Fragen bleiben unbeantwortet: Wer kontrolliert Kondaduvom Entertainment tatsächlich? Welche Direktoren neben Menon sehen sich weiterhin der Steuerstrafverfolgung ausgesetzt, und was sagt das über die Geschäftsverteilung bei Photon Kathas zwischen 2011 und 2014? Und vor allem — wer zahlt die neunzehn Millionen Dollar, und an wen, wenn das Schiedsverfahren seine Tür einmal doch öffnet? In Madras sind die Akten geöffnet. Verschwunden sind nur die, die rechtzeitig gingen.

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