Vertrauen, das keiner mehr zu fordern wagt
Es gibt Stimmen, die hört man nur, wenn man bereits weiß, dass sie nichts mehr ändern werden. Joachim Gauck ist eine solche Stimme. Ein Mann, der weiß, wie Macht schmeckt, bevor sie korrumpiert, und der dennoch — oder gerade deshalb — den Finger in die Wunde legt, die alle anderen höflich umtanzen.
„Die Regierung regiert vor sich hin." Vier Worte. Jedes ein Skalpell. Nicht „schlecht", nicht „inkompetent", nicht „verlogen" — nein: vor sich hin. Das ist die Diagnose eines Landes, das sich im Kreise dreht, während die Uhren anderswo schneller ticken. Wer so spricht, hat die Spielregeln lange genug studiert, um zu wissen, dass jeder Reformvorschlag in diesem Land ein eigener Krieg ist. Und wer dennoch spricht, hat nichts mehr zu verlieren.
Gauck fordert Reformen. Er fordert mehr Mut. Er sieht das Vertrauen der Bürger zerstört. Das klingt wie ein moralischer Appell, ist aber etwas anderes: Es ist die kalte Bestandsaufnahme eines Mechanikers, der in den Motor schaut und feststellt, dass die Zündung nicht mehr greift. Vertrauen, sagt er uns, ist kein Charisma, ist keine Rhetorik, ist nicht das Lächeln eines Kanzlers bei der Pressekonferenz. Vertrauen ist die Annahme, dass die, die oben sitzen, wissen, was sie tun. Diese Annahme zerfällt — nicht laut, nicht dramatisch, sondern leise, wie Eis im März.
Ich habe in Genf Verträge gesehen, die unterschrieben wurden mit dem festen Vorsatz, sie nicht einzuhalten. Männer in dunklen Anzügen, die lächelnd ihre Namen unter Dokumente setzten, die sie niemals lesen würden. Das deutsche „Vor-sich-hin-Regieren" ist die Fortsetzung dieser Kunst mit anderen Mitteln. Man unterzeichnet weiter. Man verhandelt weiter. Man kündigt Programme an, Kommissionen, Reformpakete. Und während die Druckerpressen laufen, bleibt die Maschine stehen. Die Bürger, die einst glaubten, sie seien Adressaten dieser Politik, werden zu Statisten einer Inszenierung, die sich selbst genügt.
Wer profitiert? Das ist die Frage, die Gauck nicht stellt, die aber unausweichlich im Raum steht. Wer profitiert von einem Staat, der sich im eigenen Formularwesen verliert? Wer profitiert von einer Verwaltung, die drei Jahre braucht, um eine Genehmigung zu erteilen, die anderswo drei Wochen dauert? Es sind die, die Zeit haben. Die, die Berater beschäftigen. Die, die den Stillstand als Geschäftsmodell betreiben. Es ist eine Klasse, die keine Namen mehr braucht, weil sie überall und nirgends ist.
Gaucks Kritik trifft einen Nerv, weil sie den Deckel hebt. Vor sich hin regieren — das heißt auch: sich nicht entscheiden müssen. Nicht entscheiden müssen heißt: keine Fehler machen. Keine Fehler machen heißt: keine Verantwortung tragen. Keine Verantwortung tragen heißt: nichts riskieren. Und wer nichts riskiert, hat bereits verloren, auch wenn er noch im Amt sitzt. Das ist die Tragödie der Mittelmäßigkeit: Sie überlebt sich selbst.
Was Gauck nicht sagt — und was ein Diplomat sagen würde, der ich bin — ist Folgendes: Die Zerstörung des Vertrauens ist selten ein Betriebsunfall. Sie ist meistens das Ergebnis von Entscheidungen, die so getroffen wurden, dass sie keine Spuren hinterlassen. Eine Politik der Vermeidung, der Verschiebung, der „Wir-müssen-das-noch-einmal-beraten"-Masche. Wer das Vertrauen zerstören will, ohne dass es nach Sabotage aussieht, regiert vor sich hin. Punkt.
Gaucks Worte sind also nicht nur Mahnung. Sie sind Beweisstück. Sie dokumentieren, was alle sehen und keiner zugeben will: dass dieses Land seiner Regierung längst nicht mehr glaubt. Und dass eine Regierung, die nicht mehr geglaubt wird, zwar weiter regieren kann — aber sie regiert dann nur noch sich selbst.
Ich trage Handschuhe beim Schreiben. Man fasst die Dinge nicht mit bloßen Händen an, weil man Spuren hinterlässt. Gauck fasst sie mit bloßen Händen an. Vielleicht ist das sein Luxus. Vielleicht ist das sein Vermächtnis. Es bleibt die Frage, ob jemand zuhört — oder ob weiter vor sich hin regiert wird, bis das Vertrauen nicht mehr zu reparieren ist.