Die Druckerpresse hat zwei Seiten — eine davon liest keiner
Manhattan, im siebten Jahr nach dem großen Sturz. Die Herren in den Marmorfassaden der Federal Reserve Bank haben Pressemitteilungen veröffentlicht. Ich habe sie gelesen. Sie sagen nichts. Das ist Absicht.
Wer in diesen Tagen durch die Vorhalle der Notenbank geht, riecht nichts als Bohnerwachs und die alte Angst vor 1929. Die Angst ist gerechtfertigt. Nur — sie gilt diesmal nicht den Spekulanten. Sie gilt denen, die 1929 zu spät gehandelt haben. Und die handeln jetzt zu früh.
Im Laufe des Jahres 1937 verdoppelte die Federal Reserve, in Stufen und mit der Gelassenheit einer Hausordnung, die Mindestreservesätze. Das ist die Mechanik, in der Sprache der Banker: Jede Geschäftsbank muss einen größeren Teil ihrer Einlagen als Reserve halten — Geld, das nicht mehr verliehen werden darf. Was auf dem Sparbuch des Bürgers in Queens liegt, wird zur Geisel der Notenbankpolitik. Wer Geld besitzt, liest die Mitteilung nicht. Wer keines besitzt, spürt die Wirkung: Kredite werden teurer, dann knapper, dann gar nicht mehr vergeben. Die Zinsen steigen. Die Nachfrage sinkt. Die Fabriken in Akron, Detroit und Pittsburgh drosseln die Produktion. Die Arbeiter werden nicht entlassen, weil ihre Waren keiner mehr will — sie werden entlassen, weil ein Gremium in Washington entschieden hat, dass Geld knapper werden muss. Zur Vorsicht. Für die Stabilität. Für die Banken.
Parallel dazu sterilisierte das Schatzamt unter Henry Morgenthau die Goldzuflüsse aus Europa. Das Gold kam, das Geld wurde neutralisiert. Es durfte nicht in den Umlauf, nicht in die Kredite, nicht in die Löhne. Die effektive Geldmenge schrumpfte, während die Konjunktur noch nicht genesen war. Eine Rezession auf Vorrat, hergestellt in Sitzungssälen, deren Protokolle nicht öffentlich sind. Die Industrieproduktion fiel. Die Arbeitslosigkeit, die Roosevelt von fünfzehn auf etwa vierzehn Millionen gedrückt hatte, schnellte wieder nach oben. Das ist die Sprache der Zahlen, die die Fed selbst sprechen würde — spräche sie denn.
Die offene Frage, die kein Pressetext beantwortet: Wer hat das eigentlich gewollt? War es der Fed-Vorsitzende Marriner Eccles, überzeugt von der Pflicht zur monetären Aufräumarbeit, gegen den Widerstand des Präsidenten? War es das Schatzamt, das seine eigene Bilanz sauber halten wollte, koste es, was es wolle? War es die Wall Street, die Inflation fürchtete und Deflation für ein Naturereignis hielt, gegen das man sich nicht versichern müsse? Oder war es ein Kompromiss aus lauter Bequemlichkeiten — ein Ergebnis der Struktur, in der niemand verantwortlich ist, weil jeder nur seine Satzung erfüllt hat? Die Akten sprechen nicht. Die Pressemitteilungen sprechen nicht. Sie verbergen mehr, als sie offenbaren.
Ich sitze hier mit einer Pfeife, die ich seit Stunden nicht angezündet habe, und lese die Notizen durch. 1929 haben die Bilanzen gestunken. Die Zahlen waren falsch, das wusste jeder, der rechnen konnte. Wir haben es gesagt. Niemand hat zugehört. 1937 stinken die Bilanzen wieder — nur diesmal nach einer anderen Chemikalie. Nach zu viel Enthaltsamkeit. Nach einer Tugend, die als Waffe verkleidet ist.
Was die Federal Reserve kommuniziert, ist die Form ohne den Inhalt. Sie teilt mit, dass sie tagt. Sie teilt mit, dass sie Beschlüsse fasst. Was sie beschließt, wird zur technischen Notiz, zum Protokoll einer Sitzung, zur Randbemerkung der Wirtschaftsgeschichte. Die Zinsen, die daraus folgen, sind für die Menschen in Harlem und Hell's Kitchen, in den Siedlungen am Hudson und in den Bergwerken von West Virginia keine technische Notiz. Sie sind die Miete. Sie sind das Brot. Sie sind die Frage, ob das Kind im Winter einen Mantel bekommt.
Die Struktur, die das trägt, ist alt und gut geölt: Eine unabhängige Notenbank, die demokratisch nicht gewählt wird, spricht eine Sprache, die ihre Adressaten verstehen — und schweigt in der Sprache, die alle anderen sprechen. Die Pressemitteilung ist die höfliche Form der Verschleierung. Wer sie durchschaut, wird nicht wieder eingeladen. Wer sie nicht durchschaut, glaubt, die Lage sei stabil. In beiden Fällen hat die Notenbank gewonnen.
Was offen bleibt, ist nicht das Ob, sondern das Wer. Wer trägt die Handschrift unter der Verdoppelung der Reservesätze? Wer hat das Gold sterilisieren lassen — und warum genau in diesem Monat, nicht im nächsten? Welche Noten aus welcher Sitzung flossen in welche Entscheidung? Die Federal Reserve veröffentlicht ihre Mitteilungen. Sie veröffentlicht nicht die Kausalketten. Sie veröffentlicht die Resultate als Naturereignisse. Wer nach den Motiven fragt, fragt schon zu viel.
1937 ist kein Versehen. Die Bücher sind nicht ausgeglichen. Das war nie ein Versehen. Es war ein Urteil — gefällt von Männern, die nie am Fließband standen, über die, die dort stehen. Und es war ein Urteil, das in einer Sprache verkündet wurde, die wie eine Mitteilung klingt und wie eine Verschleierung funktioniert.
Ich zünde die Pfeife jetzt an. Sie schmeckt nach Tabak und nach einer Wahrheit, die an den Zeitungsständen keiner kauft.