Azizi ruft, Vance lacht, das Öl fließt
Der Rauch von Evelyns Zigarette steht waagerecht im Licht. Die Schreibmaschine wartet. Ich fange an.
Ebrahim Azizi sagt also, was das Protokoll verlangt. „Das Zeitalter der US-Einmischung in regionalen Angelegenheiten ist vorbei." Sitzt in Teheran. Vorsitzender des Sicherheitsausschusses im iranischen Parlament. Sagt es ins Mikrofon, weil das Mikrofon eingeschaltet ist. „Die strategische Meerenge von Hormuz ist ein untrennbarer Teil der iranischen nationalen Souveränität, und ihre Verwaltung liegt ausschließlich in der Kontrolle der Islamischen Republik Iran." So steht es in den Drähten.
Und weil ein Mann, der Souveränität ruft, selten damit aufhört: Azizi weigert sich, die Entwaffnung der Hisbollah zu fordern. Libanons Souveränität, sagt er, werde nicht durch Entwaffnung des Widerstands gesichert, sondern durch Beendigung von Besatzung und Aggression.
Soviel zur Bühne. Ich will den Souffleur. Wer zahlt das Stück?
Denn während Azizi in Teheran Souveränität beschwört, sitzt JD Vance in Washington und lacht sich ins Fäustchen. Vance prahlt mit dem Memorandum of Understanding. Es sei ein Mittel gewesen, sagt er, Iran an die Kandare zu legen — nach dem Krieg, den die USA und Israel am 28. Februar vom Zaun gebrochen haben. Wenn das nicht funktioniere — na gut. Dann habe es immerhin Zeit gekauft. Zeit, die US-Ölvorräte aufzufüllen. Zeit, Waffen nachzuladen. Genug Zeit, um beim nächsten „Mowing the Lawn" wieder zuschlagen zu können.
Er sagt das offen. Öffentlich. Mit dem Mundwerk eines Mannes, der weiß, dass die andere Seite mithört.
Das erinnert an Minsk. So sagen es russische Offizielle, die mit Alexander Mercouris sprachen. Minsk — die Ukraine-Erfahrung. Deals unter dem Siegel der Hoffnung, damit der Angreifer in Ruhe nachladen kann. Iran, so die russische Sorge, sei auf einen Minsk-Deal hereingefallen.
Russland hat gewarnt. Anscheinend ohne Erfolg. Das ist die eine Hälfte des Bildes.
Die andere ist schwarz. Und fließt.
Durch die Meerenge, die Azizi gerade als iranisches Hoheitsgebiet verkauft. Durch Hormuz. Lloyd's List und Bloomberg nennen es eine Welle. Etwa fünfundzwanzig Prozent des Vorkriegsniveau-Schiffsverkehrs — klingt nach wenig. Ist es auch. Aber die Mechanik, die kein Parlamentsausschuss erklärt: Die Schiffe, die jetzt fahren, sind fast ausschließlich VLCCs. Supertanker. Kreuzfahrer, Frachter, Segelboote — die fahren nicht mehr. Aber das Öl fährt.
Mehr Öl, als die nackte Zahl vermuten lässt. Genug, dass die Preise seit Tagen fallen. Genug, dass die US-Seite genau das bekommt, was sie wollte: Öl ohne Kanonen. Die USA halten sich nur an die Teile des MOU, die ihnen nützen — der Rest ist Theater.
Klingt das nach Souveränität? Oder klingt das nach einem Mann, der die Schlüssel zu einer Tür hält, die ein anderer gerade aufschließt?
Dann war da noch die Meldung. Angeblich iranische Revolutionsgarden-Quellen: Iran habe ein Frachtschiff zur Notlandung gezwungen. Große Geste. Hormuz-Souveränität in Aktion. Beweis der Kontrolle.
Nur — das Schiff war im März gesunken. Ohne iranische Hilfe. Ohne iranische Order. Die Geschichte war erfunden.
Echte Ermittlerarbeit: Wenn eine Seite eine Siegesmeldung veröffentlicht, die nicht stimmt, dann lügt sie nicht aus Übermut. Sie lügt aus Schwäche. Wer eine fette Lüge braucht, hat zu wenig echtes Futter.
Was offen bleibt: Wie viel neues Rohöl verlässt tatsächlich den Golf? Die Tanker, die vor dem Krieg beladen wurden, fahren jetzt aus — diese Erleichterung war eingepreist. Was die Märkte nicht wissen: Wie viel wird nachgeladen? Wie schnell?
Unklar bleibt auch, wem die nächste Lüge gehört. Iran, das sich Souveränität auf die Fahnen schreibt, während das Öl unter anderer Regie fließt? Oder den Vereinigten Staaten, die mit einem Vance-Deal prahlen, der nach Minsk riecht?
Evelyn singt noch immer unten im Café. Ich frage mich, welches Stück gerade gespielt wird.
Eins weiß ich: Die Rechnung kommt. Sie kommt immer. Und sie wird nicht bezahlt von den Männern, die heute das Mikrofon halten.