Verhaftet für das Lächeln
Es beginnt, wie diese Dinge immer beginnen: mit einer Zahl, die nach Ordnung schmeckt. 241 Haftbefehle, 209 Festnahmen, durchgeführt in den frühen Morgenstunden des 23. Juni 2026 in Ankara. Die Staatsanwaltschaft spricht von Antiterroreinsätzen. Das klingt nach Aktenzeichen, nach Akribie, nach einem Staat, der seine Hausaufgaben macht.
Wer genau verhaftet wurde, sortiert sich rasch in das vertraute Muster. Sechsundfünfzig mutmaßliche IS-Kämpfer, ein erwartbarer Posten auf der Rechnung Washingtons und Brüssels. Hundertfünfundachtzig mutmaßliche Mitglieder verbotener linksextremer Organisationen, darunter die DHKP-C, deren Name in Ankara seit Jahrzehnten als Sammelbecken für unliebsame Stimmen dient. Und dann, in dieser Aufzählung, die das eigentlich Interessante birgt: Yildiz Tar, Chefredakteur der LGBTQ-Zeitschrift Kaos GL. Drei Rechtsanwälte der Progressiven Anwaltsvereinigung CHD, einer davon in Istanbul, zwei in Ankara. Ein Wirtschaftswissenschaftler der Universität Ankara. Ein Gewerkschafter.
Man muss kein Verfassungsrichter sein, um hier eine Mechanik zu erkennen. Der Anti-Terror-Paragraf ist das große Sammelbecken. Wer unter ihm verhaftet wird, muss nicht Islamist sein, nicht Bombenbauer, nicht einmal politisch militant. Es genügt, eine Zeitung zu führen, deren Leser man nicht mag. Eine Klientel zu vertreten, die dem Staat ein Dorn im Auge ist. Einen Lehrstuhl zu haben, dessen Inhaber unbequem denkt. 209 Festnahmen sind in Wahrheit eine Botschaft an alle, die nicht verhaftet wurden: Schaut genau hin, was wir können. Benehmt euch entsprechend.
Die zweite Botschaft folgt am späten Abend des 22. Juni. Das Büro des Gouverneurs von Ankara verfügt ein vollständiges Demonstrationsverbot für den Zeitraum vom 28. Juni bis zum Ende des Gipfels – „zur Sicherheit des Gipfels und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung“, wie es heißt. Das ist die diplomatische Sprache für: Die Stadt gehört uns, und was auf ihren Straßen geschieht, bestimmen wir. Ein NATO-Gipfel in einer Hauptstadt, die für die Dauer des Treffens zur akustisch geputzten Bühne wird.
Am 7. und 8. Juli empfängt Ankara die Staats- und Regierungschefs der 32 Mitgliedstaaten, darunter den amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Es ist ein Termin mit eigenem Symbolwert. Ankara ist Bündnispartner und betreibt zugleich Russlands S-400-Flugabwehrsystem. Ankara wurde aus dem F-35-Programm geworfen und mit Sanktionen belegt. Eine schwierige Mischung, gewiss. Aber wie man in Genf lernte: schwierige Mischungen werden gemanagt, indem man das Schwierige in Geschenke verpackt.
Wenige Tage vor dem Treffen kündigt die Trump-Administration den Verkauf dutzender Düsentriebwerke des amerikanischen Konzerns General Electric an die Türkei an, im Wert von mehr als 700 Millionen Dollar. Sie sollen das erste türkische Kampfflugzeug KAAN antreiben, ein Projekt, das Ankara 2016 als Symbol seiner verteidigungspolitischen Eigenständigkeit aus der Taufe hob. Eine mit der Angelegenheit vertraute Quelle spricht von einer „wichtigen Geste“ an Ankara. Auf die Frage nach den Triebwerken, dem F-35-Programm und seinen Plänen für den Gipfel antwortet Trump: „Ich werde wahrscheinlich etwas tun, das sie sehr glücklich machen wird.“ Man darf das als Programmhinweis lesen.
Gonul Tol, Direktorin des Türkei-Programms am Middle East Institute in Washington, ordnet das Paket in jenen Begriff ein, den jedes Verhandlungsmemorandum kennt: das Mindeste, was eine amerikanische Regierung anbieten könne, die Ankara weit Größeres versprochen habe – einschließlich der Rückkehr in das F-35-Programm. Die Hürde heißt S-400. Solange das russische System auf türkischem Boden steht, bleibt das Sanktionsregime in Kraft. Was geliefert wird, ist ein Triebwerk. Was signalisiert wird, ist die Bereitschaft zum Handschlag. Der US-Botschafter in Ankara, Tom Barrack, hatte im Dezember noch von den „fruchtbarsten Gesprächen zu diesem Thema seit fast einem Jahrzehnt“ gesprochen. Die Frucht, die hier geerntet wird, ist bescheiden.
Es gibt ein Wort für diese Choreografie: Gipfelvorbereitung. Ankara räumt die Bühne frei, Washington schmückt sie. Die Hauptstadt trägt für zwei Wochen das Gesicht, das sich für die Kameras gehört. Die Straßen sind still, die Redaktionen sind verwaist, die Kanzleien geschlossen, die Hörsäle um eine Stimme ärmer. Am Ende werden die Staatschefs applaudieren – für Sicherheit, für Entschlossenheit, für den gemeinsamen Kampf gegen den Terror. Dass die Türkei im Dezember 2025 weitere 125 IS-Mitglieder festgenommen hat, wird im Communé als Beleg für die Leistungsfähigkeit des Verbündeten stehen.
Was die Kameras nicht zeigen, ist die Gegenrechnung. Wer heute Morgen verhaftet wurde, hat keinen Auftritt beim Gipfel. Wer mundtot gemacht wird, kommt im Schlussdokument nicht vor. Eine queere Zeitschrift in derselben Pressemitteilung aufgeführt wie mutmaßliche Dschihadisten, das ist die Feinjustierung der Botschaft: der Terrorbegriff wird so weit gefasst, dass er jede abweichende Stimme einschließt, die der Staat nicht brauchen kann.
Erol Onderoglu von Reporter ohne Grenzen nennt die Festnahme Taras „untragbar“ und fordert seine Freilassung. Der Gouverneur verweist auf die Sicherheitslage. Das ist der Ton, den ich aus Genf kenne: freundliche Stimmen, endloses Verfahren, ein Lächeln, das nichts ausschließt. Es ist ein Ton, in dem Männer zustimmen und unterschreiben, während nebenan die Handschellen klicken.
Unklar bleibt am Ende, was schwerer wiegt – die 241 Haftbefehle oder die 700 Millionen Dollar. Beide Zahlen sind Geste. Beide werden dem amerikanischen Präsidenten als Argument dafür dienen, dass der Gipfel ein Erfolg war: Der Verbündete ist stabilisiert, das Bündnis funktioniert, die Kamera hat ihre Bilder, das Triebwerk seinen Käufer. Was zurückbleibt, ist eine Hauptstadt, die für vierzehn Tage den Beifall übt und danach wieder in ihre eigene Ordnung zurückfindet.
In Genf nannte man das Diplomatie. Heute nennt man es Sicherheit. Die Handschuhe, die ich beim Schreiben trage, sind aus genau dem Grund so hell.