Wer profitiert von der Hitze? Currys meldet 3000 Prozent mehr Lüfter
London. Die Drähte summen, und was sie tragen, riecht nach Lötzinn und alter Buchführung. Currys, 691 Filialen in Großbritannien, meldet für das letzte Hitzewellen-Wochenende einen Anstieg der Lüfterverkäufe um fast dreitausend Prozent gegenüber der Vorwoche. Klimaanlagen: plus 330 Prozent. Die Regale leer, die Nachfrage enorm, der Chef spricht von knapper Versorgung. Was wie ein Versorgungsbericht klingt, ist zuerst eine Bilanz. Die Frage ist nicht, ob es heiß war. Die Frage ist, wer daran verdient.
Alex Baldock, Chief Executive, verkündet gleichzeitig: Konzernumsatz plus sechs Prozent auf 9,2 Milliarden Pfund im Geschäftsjahr bis 2. Mai. Vorsteuergewinn plus 23 Prozent auf 153 Millionen Pfund. Wer fliegende Ware beklagt und gleichzeitig den höchsten Gewinn der jüngeren Firmengeschichte präsentiert, der hat keine Krise. Der hat ein Muster. Currys ist nicht Opfer der Hitzewelle. Currys ist deren Profiteur.
Beachtenswert: Die Knappheit ist nicht naturgegeben. Sie ist organisierbar. Wenn der größte Einzelhändler des Marktes — Baldock sagt es selbst, Nummer eins — erklärt, dass nur er liefern könne, dann ist das keine Marktbeobachtung. Das ist eine Drohung an alle anderen Händler im Land. Wer in einer Klimakrise gesicherte Lieferketten als Wettbewerbsvorteil verkauft, verkauft Angst. Das ist keine Versorgungspolitik. Das ist Preiskartell mit anderen Mitteln.
Tiefer liegt der Chip. Baldock spricht von unvermeidlicher Inflation, angetrieben durch den globalen Halbleitermangel und die Nachfrage von KI-Rechenzentren. Hier werden die Drähte klar: Dieselben Chips, die in Lüftern, Kühlschränken und Wechselrichtern verbaut werden, werden von Rechenzentren geschluckt, deren Betreiber kein Interesse an einer Konkurrenz haben, die Kühlung für Menschen herstellt. Wer profitiert? Nicht der Endverbraucher. Nicht das kleine Geschäft um die Ecke, das nun bei Currys einkauft, weil es selbst keine Margen mehr hat. Die Gewinne fließen nach oben — zu den Herstellern der KI-Infrastruktur, und zu den Händlern, die zwischen Fabrik und Kunde stehen.
Currys baut neue Geschäftsfelder aus: Kaffeemaschinen, KI-gestützte Laptops, Reparaturservices, Installation. Der Konzern verkauft nicht mehr nur Ware. Er verkauft Zugang. Wer heute einen Laptop braucht, der mit aktueller Software läuft, kommt an bestimmten Konfigurationen kaum vorbei — und an denjenigen, die den passenden Lieferkanal besitzen. Die Klimakrise wird zur Vertriebschance. Der Chipmangel wird zum Sortimentsvorteil.
Baldock zeigt sich erfreut über Äußerungen des voraussichtlichen nächsten Premierministers Andy Burnham, der die High Street und den Einzelhandel ins Zentrum des wirtschaftlichen und sozialen Lebens rücken will. Wer hier zuhört, versteht: Die politische Klasse hat keine Antwort auf die Klimakrise, die über die Konsumförderung hinausgeht. Die Antwort lautet: Kauft Ventilatoren. Modernisiert euer Leben, auf Pump. Baldock fordert im selben Atemzug, die Erhöhungen der Arbeitgeber-Sozialversicherungsbeiträge zurückzunehmen und bei neuen Beschränkungen für Arbeitsverträge vorsichtig zu sein. Wer vom Klimawandel lebt, will niedrige Lohnnebenkosten. Beides gehört zusammen.
Die Fußball-Weltmeisterschaft, erklärt Baldock flapsig, treibe den Verkauf von Großbildfernsehern, Grills, Bierzapfanlagen und Whirlpools. 90-Zoll-Geräte hätten sich mehr als verdoppelt. So spricht jemand, der die Welt als Absatzgebiet begreift — und das ist legitim. Aber im Klartext heißt das: Ein Konzern, der vom Klimawandel und von Großereignissen gleichzeitig profitiert, hat kein Interesse an der Lösung des Problems, das sein Geschäft befeuert. Er hat Interesse an dessen Fortdauer.
Was offen bleibt: Wer kontrolliert die Lieferketten, die Currys als gesichert bezeichnet? Welche Hersteller liefern bevorzugt, zu welchen Konditionen? Wem gehört die Halbleiterproduktion, die hier Knappheit erzeugt? Wieviel von der ausgerufenen Inflation ist Markt, und wieviel ist Verhandlungsmasse? Auf diese Fragen gibt der Geschäftsbericht keine Antwort. Er ist nicht dafür gemacht.
Der Konzern sichert seine Versorgung mit Computern und Mobiltelefonen bis mindestens September. Die Kühlgeräte sind knapp. Die Reihenfolge verrät die Strategie: Was Margen trägt, wird gesichert. Was die Leute jetzt brauchen, wird knapp gehalten — bis der Preis stimmt. So sieht Hitzewirtschaft aus. Die Technologie ist nicht das Problem. Die Eigentumsverhältnisse sind es.