DAS AUGE IN DER VITRINE
Das neue Medium ist nicht neu. Es ist alt. Es ist 35 Jahre alt, seit Nipkow seine Scheibe drehte, und es ist trotzdem ein Wunder für jeden, der zum ersten Mal vor der Vitrine in der Potsdamer Straße steht und ein flackerndes Gesicht sieht, hundert Mal kleiner als ein Daumen, und doch erkennbar.
Ich habe drei Wochen gebraucht, um an der Kasse vorbeizukommen. Nicht weil die Schlange lang war — die ist kurz, fünf Mark Eintritt, das können sich die wenigsten leisten — sondern weil die Aufsicht wissen wollte, was eine Telegraphistin vom Terminal Tribune an einem Fernsehgerät zu suchen hat. Ich habe gelogen. Routine. Ich habe gesagt, ich schreibe eine Reisereportage über Berliner Vergnügungen.
Die Vergnügung ist staatlich.
Die Fernseh-GmbH, eine Tochter der Reichspost, betreibt die Sender. Die Programme kommen aus einem Studio, das niemand betreten darf, der keinen Berechtigungsschein hat. Was läuft? Ansprachen. Operettenausschnitte. Wetterkarten. Einmal die Woche, manchmal zweimal. Die Technik ist fragil, die Bilder sind klein, und doch sitzen die Leute vor den Geräten wie gebannt. Dreißig, vierzig Menschen pro Stube. Sie stehen Schlange für etwas, das ihnen noch vor drei Jahren niemand erklärt hätte.
Das ist das Geschäft. Nicht die Technik — die ist Nebensache. Das Geschäft ist die Aufmerksamkeit.
Reichspost und Telefunken teilen sich den Markt. Telefunken baut die Geräte, die Reichspost kontrolliert die Frequenzen. Wer ein eigenes Fernsehgerät zu Hause haben will, braucht eine Genehmigung. Wer eine Genehmigung hat, zahlt. Wer nicht zahlt, sieht nichts. So einfach ist das. So vollständig ist das.
Drei Ingenieure haben mir erklärt, wie die Nipkow-Scheibe funktioniert. Ich habe sie nicht gefragt. Sie haben es getan, weil sie stolz sind, weil sie wissen, dass sie Geschichte schreiben, und weil sie noch nicht begriffen haben, welche Geschichte das wirklich ist. Einer von ihnen hat mir erzählt, dass die Auflösung in den nächsten Jahren verdoppelt werden soll. Er hat gelächelt. Er hat nicht gefragt, wofür.
Man baut hier auf Mechanik — auf Scheiben, die sich drehen, auf Synchronmotoren, die justiert werden müssen. Das ist keine Rückständigkeit. Das ist politisch. Mechanische Systeme lassen sich leichter kontrollieren als elektronische. Wer die Ersatzteile liefert, kontrolliert das Bild. Wer die Scheibe justiert, kontrolliert das Bild. Wer entscheidet, wann gesendet wird, kontrolliert das Bild.
Unklar bleibt, wer tatsächlich vor den Bildschirmen sitzt. Die Reichspost veröffentlicht keine Zuschauerzahlen. Die wenigen Journalisten, die je eine Stube betreten haben, berichten übereinstimmend: dass die Leute still sind, dass sie starren, dass sie gehen, ohne ein Wort zu sagen. Das ist kein Vergnügen. Das ist Gewohnheit.
Ich habe einen alten Kollegen gefragt, einen Funkingenieur, der seit fünfzehn Jahren auf den Drähten sitzt. Er hat gesagt: »Ada, das Fernsehen ist das Radio mit anderen Mitteln. Und das Radio war schon ein Problem, bevor es eines wurde.« Er hat recht. Er hat auch unrecht. Das Radio konnte man abdrehen. Das Fernsehen zieht die Leute an. Es ist ein Magnet, und der Magnet hat einen Besitzer.
Die Frage ist nicht, ob die Technik funktioniert. Die Frage ist, wem sie dient. Ein Telefunken-Direktor hat mir in einer Sitzungspause gesagt, die Zukunft liege im Bild. Er hat nicht gesagt, in wessen Zukunft.
Frauen hatten 1937 in diesem Beruf nichts verloren — ich weiß das. Ich schreibe trotzdem. Die nächste Stube eröffnet im Frühjahr in der Leipziger Straße. Ich werde dort sein. Ich werde fragen, wer das Programm macht. Ich werde keine Antwort bekommen. Ich werde trotzdem hingehen. Und ich werde berichten, was die Scheibe zeigt und was sie verschweigt. Genau das ist der Job.