Funkenverbot im Jubiläumsjahr
Der Bourbon steht halbvoll neben der Schreibmaschine. Evelyn summt unten im Café etwas, das klingt wie Cole Porter, nur müder. Draußen Regen, der nichts ändert. Nirgendwo ändert Regen etwas.
Aus Utah kommt eine Nachricht, die nach 1937 klingt und nach übermorgen riecht. Gouverneur Spencer Cox, Republikaner, hat per Executive Order den Notstand ausgerufen. Zwischen dem zweiten und dem fünften Juli – dem Independence Day, dem heiligsten Feuerwerkstag der Republik – darf im ganzen Bundesstaat keine Rakete mehr starten. Kein Knall. Kein Funkenregen. Kein bengalisches Licht über den Vorgärten.
Der Vorwand ist so alt wie der Wildwest: Waldbrand.
Vierundneunzig Prozent von Utah leiden unter schwerer oder extremer Dürre. Dreihundertvierundfünfzig Brände in dieser Saison. Hundertzweiundvierzigtausend Acres verbrannt. Das ist kein Waldbrand mehr, das ist eine Geographie, die sich auflöst. Jamie Barnes, der Staatsförster, redet von Blitzen, die sich „historischen Erwartungen widersetzen." Eine schöne Phrase. Eine, die nichts erklärt.
Und jetzt das Detail, an dem jeder Ermittler hängenbleibt: fünfundsiebzig Prozent dieser Feuer sind von Menschen verursacht. Nicht vom Himmel. Nicht vom Blitz. Von Leuten. Von Zigaretten, von Funkenflug, von Idiotie, von Pyromanen, von Gleichgültigkeit. Wer sind diese fünfundsiebzig Prozent? Cox nennt sie nicht. Die Polizei wird sie nicht nennen. Am Ende werden alle bezahlen – nur nicht die, die gezündelt haben.
Die Order verbietet Feuerwerk innerhalb der Stadtgrenzen. Klingt streng. Ist sie nicht. Denn dann kommt der Satz, der das ganze Konstrukt zusammenfallen lässt: Lokale Verwaltungschefs dürfen, gemeinsam mit ihren Feuerwehrchefs, sogenannte „sichere Zonen" ausweisen. Orte, wo weiter geballert werden darf. Es bleibt also Verhandlungssache. Es bleibt also Politik.
Wer profitiert? Die Bürgermeister der Vororte, die ihren Wählern das Spektakel nicht nehmen wollen. Die Feuerwehrchefs, die plötzlich über Budget und Verantwortung verhandeln. Die Versicherer, die wissen, dass ein „sicherer Bereich" immer noch ein Bereich ist, der brennen kann. Wer verliert? Die Vorstadtväter, die ihren Kindern das große rote Glitzern versprochen haben. Die Pyrotechnik-Lobby, die in diesem Sommer sehr leise ist. Und das Klima, das niemand fragt.
Cox selbst sagt, die Entscheidung sei ihm nicht leichtgefallen. „Aber dieses Jahr ist anders", schreibt er. „Wir sehen Brandverhalten, das selbst unsere erfahrensten Feuerwehrleute noch nie gesehen haben." Das ist ehrlich. Das ist auch hilflos. Denn wenn die Männer, die seit Jahrzehnten gegen Feuer kämpfen, sagen, sie haben so etwas nicht gesehen, dann ist die Frage nicht mehr, ob man Böller verbietet. Dann ist die Frage, warum man es nicht schon im März verboten hat.
Die Patrouillen des Department of Public Safety werden verstärkt. Wer ein illegales Feuer entfacht, dem drohen strafrechtliche und zivilrechtliche Konsequenzen. Das ist Drohung. Das ist auch Kapitulation. Denn eine Regierung, die mit Strafverfolgung gegen Funken kämpft, ist eine Regierung, die ihre Macht über das Wetter verloren hat.
Mittendrin: Amerikas zweihundertfünfzigster Geburtstag steht vor der Tür. Ein Vierteljahrtausend. Die Kanonen von '76, diesmal ohne Knall. Man stelle sich Benjamin Franklin vor, wie er über einem Drachen im Gewitter steht, und gleichzeitig eine Schulbehörde in Provo, die einen Antrag auf eine „sichere Zone" für Raketen stellt. Der Zirkus schreibt sich selbst.
Nach dem langen Wochenende, so kündigt Cox an, werde man die Lage neu bewerten. Dann kommt Pioneer Day, zweiundzwanzigster bis fünfundzwanzigster Juli. Noch ein Feiertag. Noch ein Himmel. Noch ein Brandrisiko. Es ist, als würde man das Feuer in Zeitlupe löschen, eine Kerze nach der anderen, während das Haus schon brennt.
Evelyn hat aufgehört zu singen. Der Bourbon ist leer. Der Regen geht weiter.
Utah verbrennt nicht heute Nacht. Aber jemand anders wird es. Und alle werden so tun, als hätten sie es nicht kommen sehen.