Grüne Zahlen, nackte Erde
Man pflanzt eineinhalb Millionen Setzlinge an einem Tag, und die Welt applaudiert. Das ist das alte Spiel, und wer es einmal in Genf gesehen hat, der erkennt es überall wieder: die Zahl, die größer sein muss als die letzte Zahl, der Minister, der den Spaten hebt, die Schulkinder, die in Reihen stehen wie Orgelpfeifen einer wohlgeölten Liturgie. Bengaluru, Ende Juni 2026, anlässlich der Kempegowda-Jayanti. Chief Minister D.K. Shivakumar und BDA-Chairman N.A. Haris greifen zur Pflanzschaufel. Über 50.000 Bürger, so die Behörde, seien gekommen — und man möchte dieser Zahl glauben, weil die Reihe lang war und die Kamera ebenfalls.
Doch die Architektur des Spektakels verrät mehr als jede Rede. Man koppelt die Pflanzung an einen Marathon — fünf und zehn Kilometer —, der am Challaghatta startet und vom Kannada-Filmstar Kiccha Sudeep flaggengesegnet wird. Die Strecke führt über die nagelneue, zehnspurige S.M. Krishna Road, die just an diesem Tag eingeweiht wird. Zehntausend Läufer, darunter ein Neunundneunzigjähriger, wie man erfährt. Man komponiert das Bild mit Sorgfalt: Grün gegen Asphalt, Jugend gegen Greisenalter, Volk gegen Prominenz. Ein Eintrag ins Guinness-Buch sei möglich, heißt es; wozu ein Rekordbuch, wenn die Erde selbst nicht mitzählt? Schulen werden eingespannt — jede solle künftig ein Revier adoptieren, mit Wettbewerb, ausgeschrieben von der Greater Bengaluru Authority. Als wäre Forstwirtschaft ein Lehrfach und Baumpflege eine Prüfung.
Die Frage, die sich stellt und die niemand stellt: Wie viele dieser eineinhalb Millionen Setzlinge werden im November noch im Boden stehen? Die Geschichte der Massenpflanzungen ist die Geschichte ihrer Sterblichkeit. Wer hat sie gezogen, wer hat sie verkauft, wer hat an der Lieferung verdient? Offen bleibt, wer nach der ersten Monsunwoche wiederkommt, um zu wässern.
In Tiruchi, sechshundert Kilometer südöstlich, geht man derweil den methodischeren Weg. Miyawaki-Wälder — dicht gepflanzte, schnell wachsende Miniaturökosysteme nach dem japanischen Botaniker Akira Miyawaki — sollen in den fünf Zonen der Stadt entstehen, zehn Standorte, zwei je Zone, etwa 10.000 Setzlinge pro Wald, Tamarinde, Pungai, Vembu, Neem, Magizham, Teak, Iluppai, Mahagoni und diverse Fruchtträger. Der Haushalt 2026/27 hat fünfzehn Crore aus dem General Fund eingestellt, eineinhalb Crore pro Wald. Das klingt nach Plan, und ein Plan ist mehr als ein Foto, das stimmt. Dreihundertzehn öffentliche Parks, hundertacht Spielplätze, neununddreißig Freiluft-Fitnessanlagen sind zu unterhalten; man hat eine Bestandsaufnahme durchgeführt, den R.S.-Puram-Park für 3,45 Lakh saniert, Beski Nagar für 7,10 Lakh, Anandha Avenue in Ward 18 nach langjährigem Unkraut endlich freigelegt. Hier, auf 15,80 Lakh, entsteht der erste Wald, ausgeführt von einer stadteigenen Agentur, deren Namen der Bericht schuldig bleibt.
Namenlosigkeit, man kennt das aus Verträgen, ist der erste Verdachtsmoment. Welche Firma, welche Eigentumsverhältnisse, welche Folgeverträge? Miyawaki-Wälder sind ehrgeizig, aber nur dann erfolgreich, wenn drei Jahre lang gegossen, gejätet, gepflegt wird — die Methode verlangt Disziplin, nicht Begeisterung. Die Bürger Tiruchis mögen mit Begeisterung begonnen haben; ob die Stadtgesellschaft die Disziplin über die Wahlperioden hinweg aufbringt, steht in keinem Budgetposten. Arbeiter, heißt es, sollen eingesetzt werden. Werden sie bezahlt, wenn die Kameras fortgezogen sind?
So stehen zwei Städte nebeneinander wie zwei Eröffnungszüge auf einem Brett, das man nicht selbst entworfen hat. Bengaluru spielt die große Geste, pflanzt Zahlen, eröffnet Straßen, lässt einen Hundertjährigen laufen. Tiruchi spielt das kleinere Spiel, mit Budgetposten und Pflegeplänen, nüchterner, möglicherweise redlicher, möglicherweise nur weniger sichtbar. Die Wahrheit liegt, wie immer, nicht in den Setzlingen, sondern in dem, was nach der Inszenierung kommt: in den Bewässerungsprotokollen, die niemand führen wird, in den Wartungsrechnungen, die niemand prüfen wird, in den Namen, die niemand nennt.
Manche nennen es Hoffnung. Ich nenne es den Versuch, das Klima mit einem Fototermin zu schlagen. Die Erde, nackt und gleichgültig, wird beiden Varianten am Ende die Bilanz schreiben.