Einer, der den Spiegel nicht aushalten konnte
In Michigan wird im August ein Epidemiologe versuchen, Senator zu werden. Er heißt Abdul El-Sayed, trägt das Etikett des unbestechlichen Progressiven, das Siegel des kompromisslosen Verteidigers palästinensischer Rechte. Es ist die Geschichte eines Mannes, der über Mehmet Oz richtete und nun selbst vor dem Richterstuhl steht.
Beginnen wir im Hintergrund, dort, wo die Maschinen laufen. Ende Juni 2026, während die Welt über Waffenstillstände und Börsen spekulierte, tat Jewish Voice for Peace Action etwas, was die Organisation zuvor nie getan hatte: Sie empfahl einen Kandidaten für den Senat der Vereinigten Staaten. Abdul El-Sayed. "Ein historischer Moment", sagte Beth Miller, JVP Actions politische Direktorin, und benutzte damit jenes Wort, das Organisationen verwenden, wenn sie sich größer machen wollen, als sie sind.
Denn sehen wir, wer in Michigan den Ton angibt. El-Sayed liegt im Dreikampf: gegen Haley Stevens, die Abgeordnete mit dem Geld von AIPAC im Rücken, jener "Flaggschiff-Kriegslobby", wie sie in den Akten steht; gegen Mallory McMorrow, die sich selbst fortschrittlich nennt und das Wohlwollen von Elizabeth Warren und J Street genießt, jener liberalen Pro-Israel-Gruppe, die das Wort liberal wie einen Sonntagsstaat trägt. El-Sayed seinerseits hat Sanders, Van Hollen, Tlaib und Lee hinter sich versammelt. So hat der Wähler die Wahl zwischen drei Versionen von Macht, jede einzelne ordentlich etikettiert, jede mit Häkchen und Spendern.
Nun zum Doktor selbst, dem Epidemiologen, der das medizinisch-industrielle Komplex einst zerlegen wollte. Im Jahr 2021, auf dem Podcast "Bad Faith", sprach El-Sayed über Mehmet Oz mit einer Verachtung, die nur Männer aufbringen, die sich für sauber halten. "Er ist Teil genau der Art von medizinischem Industriekomplex", sagte er damals, "der dir Dinge verkaufen will, die du nicht brauchst und die nicht auf Wissenschaft beruhen."
So sprach der Richter, bevor er selbst auf der Anklagebank landete.
"America Dissected", sein eigener Podcast, lief über 316 Episoden, finanziert von mindestens 35 Sponsoren. Im März 2022, nur Monate nach seinem Ausfall gegen Oz, pries El-Sayed Magic Spoon Cereal an, ein Produkt, das in den sozialen Medien wirbt wie ein Zirkus vor der Stadt. Auf den Vorwurf eines Nutzers antwortete er in einem später gelöschten Beitrag auf X: "Ich lehne grundsätzlich Werbung ab, die Gesundheitsversprechen macht. Magic Spoon ist einfach ein proteinreiches, kohlenhydratarmes Müsli." So spricht ein Mann, der seinen eigenen Standard biegt, bis das Produkt hindurchpasst.
Dann war da Lumen, der Stoffwechsel-Coach, ein Atemtester, der Ihnen verraten will, ob Sie Fett oder Kohlenhydrate verbrennen, und Ihnen daraufhin Ernährungsratschläge gibt. El-Sayed pries das Gerät in mehreren Episoden an. Medizinische Experten bezeichnen Lumen als "Quintessenz von Marketing über Wissenschaft", weil das Gerät im Wesentlichen nur Kohlendioxid misst, während ein echter RER-Leser andere Gase untersucht. Aber Experten, so weiß man, werden in der Podcast-Welt gern leiser gedreht.
Es ist ein Mechanismus, so alt wie die Druckerpresse selbst. Der moralische Zeigefinger, erhoben im Namen der Wissenschaft, senkt sich, sobald der Werbevertrag unterschrieben ist. El-Sayed verkaufte zugleich Tugend an eine Wählerschaft, die ihn für rein hielt, und Quacksalberei an eine andere, die ohnehin zuhört. Das ist kein Zufall, das ist Architektur.
Was offen bleibt, ist jene Frage, die in den Akten nicht steht: Wer hat den Epidemiologen beraten, bevor er im Jahr 2021 über Oz herzog? Wer hat den Lumen-Deal eingefädelt, als das Gerät bereits als fragwürdig galt? Wer profitiert eigentlich davon, dass ein Kandidat für den Senat der Vereinigten Staaten zugleich AIPAC-Gegner und Lumen-Botschafter sein darf? Die Struktur trägt sich von selbst: Progressiver Kreuzritter auf der einen Seite, klagloser Werbeträger auf der anderen. Die Wählerschaft in Michigan bekommt beides im Doppelpack, und niemand liest das Kleingedruckte.
JVP Action feiert einen historischen Moment. Sanders nickt. Tlaib spricht von Gerechtigkeit. Und mittendrin steht ein Doktor, der nicht bemerkte, dass der Spiegel, in den er blicken wollte, sein eigener war.
In Genf habe ich Männer lächeln sehen, während sie Verträge unterzeichneten, die sie nie halten würden. Sie trugen Handschuhe. Es sind immer die Hände, die man zuerst reinigt.