57.000 im Juni und das Rätsel der verschwundenen Stellen
Manhattan, Anfang Juli. Das Bureau of Labor Statistics hat geliefert. 57.000 neue Stellen im Juni. Die Wall Street atmet auf, der Dow steigt 430 Punkte, und in irgendeinem Konferenzraum mit Aussicht nickt ein Mann im Maßanzug und sagt das Wort, das seit Jahren nicht mehr totzukriegen ist: stabil.
Stabil. Das Wort hängt im Raum wie Pfeifenrauch, der nicht mehr ausgehen will. Stabil, weil die Arbeitslosigkeit auf 4,2 Prozent gesunken ist, einen Zehntelpunkt runter vom Mai. Stabil, weil die Notenbank ihre Zinsen nun vermutlich nicht anhebt. Stabil, weil ein Markt, der seit Monaten auf der Kippe stand, plötzlich wieder Grün trägt.
Nur — schauen wir genauer hin. Die Analysten hatten 115.000 erwartet. Geliefert wurden 57.000. Die Hälfte. Das ist kein Fundament. Das ist ein Boden, der federt, bevor jemand drauftritt. Und die Korrekturen für April und Mai? 74.000 Stellen nach unten geschraubt — eine freundliche Geste der Buchhalter, die Bilanzen wieder ins rechte Licht zu rücken. Nur dass dieses Licht, wie immer, gedämpft ist.
Im Juni selbst verlor der Freizeit- und Gastgewerbesektor 61.000 Stellen. Freizeit und Gastgewerbe. Mitten im Sommer. Zur Weltmeisterschaft. Goldman Sachs hatte allein 40.000 zusätzliche Jobs in Hotels und Restaurants erwartet. Statt 40.000 dazu kamen 61.000 weg. Macht in der Bilanz einen Unterschied von rund hunderttausend, die irgendwo zwischen Prognose und Wirklichkeit verschwanden — verschluckt vom Sommer, verschluckt von einer Statistik, die niemand zu verantworten scheint.
Jamie Cox von Harris Financial Group nennt die Daten „irreführend" und erwartet Revisionen nach oben. Das ist die Sprache der Eingeweihten: Wenn die erste Zahl nicht ins Bild passt, wird sie nachgebessert. Irgendwann, irgendwo, von irgendwem. Wir haben das gesehen. 1929, in den Wochen vor dem Knall, als die Bilanzen noch glänzten und die Männer in Nadelstreifen sich gegenseitig versicherten, alles sei solide. Damals wie heute sitzen sie zusammen und erklären dem Volk, warum der Gürtel enger muss — während der eigene weiter wird.
Die Löhne stiegen um 3,5 Prozent im Jahresvergleich. Klingt nach Aufschwung. Ist keiner. Denn die Inflation frisst diesen Zuwachs und mehr. Reale Löhne: negativ. Die Konsumentenstimmung ist auf Talfahrt. Die Leute an der Ladentheke spüren, was die Tabellen nicht zugeben wollen: Dass das Geld in der Tasche weniger wird, während die Preise an der Tür lauter werden.
Doch wo kamen die Stellen her? Professional and Business Services: 36.000. Soziale Hilfen: 25.000. Das Gesundheitswesen, der ewige Wachstumsmotor der jüngsten Monate, treibt die Zahl nach oben. Das sind nicht die Sektoren, die einem Arbeiter in Ohio Brot auf den Tisch bringen. Das sind die Sektoren, die Bilanzen schöner machen und Anleger beruhigen.
Fed-Chef Kevin Warsh hat sich bei seiner ersten Sitzung überraschend hart gegen die Inflation gestellt. Die Investoren gerieten in Panik — eine Zinserhöhung stand im Raum. Nun, mit diesen schwachen Arbeitsmarktzahlen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed die Zinsen im Bereich von 3,5 bis 3,75 Prozent hält, auf rund 80 Prozent — bei der nächsten Sitzung am 29. Juli. Der Markt atmet auf. Aber es ist das Aufatmen eines Ertrinkenden, der die Hand über Wasser hält — nicht den Weg zum Ufer.
Chris Zaccarelli von Northlight Asset Management bringt es auf den Punkt: Wenn der Beschäftigungsauftrag wieder ins Spiel komme, steige die Chance, die Zinsen unverändert zu lassen — und das sei für den Markt „viel besser". Aha. Der Beschäftigungsauftrag. Das klingt nach Mandat, nach Pflicht, nach Sorge um den Arbeiter. In Wahrheit ist es eine Lizenz: Solange die Zahlen schwach genug sind, um keine Zinserhöhung zu erzwingen, aber noch nicht schwach genug, um Panik auszulösen, darf weitergemacht werden wie bisher. Das ist keine Wohltat. Das ist ein Geländer, an dem man sich festhält, während der Boden unter den Füßen dünner wird.
Was bleibt offen? Wer hat den Freizeitsektor so falsch eingeschätzt — oder war die Schätzung selbst das Werkzeug, mit dem man die wahre Schwäche kaschierte, bis die Revisionen kommen? Wer entscheidet, welche 74.000 Stellen plötzlich nicht mehr existieren? Und wem nützt es, wenn die heutigen Zahlen „irreführend" genannt werden, mit dem leisen Versprechen, dass die nächsten freundlicher sein werden?
Die Bücher sind nicht ausgeglichen. Das war nie ein Versehen. Es war eine Übung in Übersetzung — Bankensprache in Straßenwirklichkeit, Zahlen in Schicksal, Statistik in Schweigen.
Ich klappe die Pfeife aus. Das Kraut ist fast verbrannt. Morgen kommen die Revisionen. Und übermorgen die nächste Zahl, die irgendwer irgendwo so lange biegen wird, bis sie ins Bild passt.
Bis dahin: 57.000. Stabil. Stabil. Stabil.