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45 Prozent verschwinden, und keiner fragt wohin

2. Juli 2026 — — — E. Wolff

Es gibt Zahlen, die verschwinden leise. Kein Knall, keine Trümmer, keine Börsenkurse, die nach unten rauschen. Nur ein Satz in einer Pressemitteilung, sechzig Wörter lang, und schon ist eine Verpflichtung weg, die einst Verpflichtung hieß.

45 Prozent. So viel sollte die Weltbank ab 2023 in Projekte stecken, die dem Klima nützen. Klimaschutz, Anpassung, Resilienz — lauter Wörter, die nach Stockholm klangen, nach dem Pariser Abkommen, nach den Sonntagsreden von Männern, die in Nadelstreifen niemals schwitzen.

Am 29. Juni 2026 erklärte die World Bank Group, man werde dieses Ziel „retire" — ein englisches Wort, das nach Pensionierung klingt, nach Würde, nach einem langen Dienst. In Wahrheit ist es die Kapitulationserklärung einer Institution, die einmal Entwicklungsbank hieß. Denn es war kein freier Entschluss. Es war Druck. Druck aus Washington, präziser: vom US-Finanzministerium unter Scott Bessent, der im April dieses Jahres dem Verwaltungsrat der Bank erklärte, ihre „myopische" Fokussierung auf Klimaziele müsse „jettisoned" werden. Jettisoned. Über Bord geworfen. Ein Wort aus der Seefahrt, passend für eine Regierung, die das Pariser Klimaabkommen längst selbst über Bord geworfen hat.

Die USA sind der größte Aktionär der Weltbank. Sie haben den Hebel, sie haben die Stimme, sie haben — und das ist der entscheidende Punkt — eine Sperrmacht bei den Entscheidungen, die zählen. Frankreich und 18 weitere Länder schrieben im Oktober 2025 einen Brief, in dem sie an der Klimazielsetzung festhielten. Die USA unterschrieben nicht. Russland nicht. Kuwait nicht. Saudi-Arabien nicht. Indien und Japan enthielten sich. Die Struktur ist alt, älter als der Handel selbst: Wer das meiste Gold in die Waagschale wirft, bestimmt, was die Waage zeigt. Achtzehn unterschrieben, vier weigerten sich, zwei enthielten sich — und einer wiegt sie alle.

Ajay Banga, der Präsident der Weltbank, spricht jetzt von „smart development". Schlaue Entwicklung. Das klingt nach mehr, ist in Wahrheit weniger. Es bedeutet: weg von festen Quoten, hin zu ergebnisoffenen Projekten, die Klimanutzen enthalten dürfen, aber nicht müssen. Dürre-resistente Landwirtschaft, wo es passt. Sturmfeste Infrastruktur, wo es sich rechnet. Erneuerbare Energien, wo angemessen. Das Wörtchen „angemessen" ist der Totengräber jeder Verpflichtung.

Weggeworfen wird nicht nur die 45-Prozent-Marke. Auch das ältere Ziel von 35 Prozent, das seit 2020 galt, verschwindet. Der Climate Change Action Plan, der in rollierenden Fünf-Jahres-Plänen seit 2016 das Rückgrat der Klimaarbeit bildete, wird verlängert — als Rahmenwerk ohne Quote, als Skelett ohne Fleisch. Was bleibt, ist ein Scorecard, das die Bank weiterführen will: Netto-Treibhausgasemissionen, Zahl der Begünstigten mit erhöhter Klimaresilienz. Indikatoren, die messen, was ohnehin passiert, und nicht messen, was versprochen wurde. Die Zahl, die fehlt, ist die einzige, die zählt: Wieviel Geld floss wohin.

Die französische Entwicklungsministerin Éléonore Caroit versuchte es noch, am 25. Juni, in letzter Sekunde, mit einem Appell. Die Bank solle das Klimaziel bewahren. Es war ein elfter Versuch zur elften Stunde. Die Uhr schlug zwölf.

Unklar bleibt, was die Weltbank-Aufsichtsräte in den nächsten Monaten tatsächlich durchsetzen — die Verschiebung von Quoten zu „Ergebnissen" ist ein Verfahren, das jeder Großaktionär dehnen kann, wie es ihm beliebt. Ebenso offen ist, ob die Nachfrage aus den Empfängerländern, von der Bankbeamte sprechen, tatsächlich reicht, um Klimaprojekte im Wettbewerb mit Straßen, Krankenhäusern und Schulen zu halten. Vermuten lässt sich, was die Logik nahelegt: Was keine Quote mehr hat, wird im Zweifel gestrichen.

Dass die Trump-Administration das als Rückkehr zum Kernauftrag verkauft, ist alter Refrain. Armutsbekämpfung, Wirtschaftswachstum — die klassische Washingtoner Liturgie, in der der Klimawandel als ideologisches Beiwerk erscheint, das die eigentliche Arbeit stört. Wer hingegen zählt, was die Dürre in Ostafrika anrichtet, wer die Ernteverluste in Bangladesch addiert, wer die Überschwemmungen in Pakistan in Dollar übersetzt, der sieht: Der Klimawandel ist nicht das Beiwerk der Entwicklungsbank. Er ist der Hauptgegenstand.

Für Indien heißt das konkret: Elektrifizierte Frachtstrecken und Binnenwasserstraßen, deren Emissionen sinken sollten. Walderholung und Biodiversität in Madhya Pradesh und Meghalaya. Klimaresiliente Landwirtschaft für Kleinbauern, deren Felder heute schon verbrennen, wo der Monsun versagt. Projekte mit Klimanutzen, die nun im Wettbewerb mit dem stehen, was Banken seit jeher gern finanzieren — Straßen, Kraftwerke, klassische Infrastruktur — und in diesem Wettbewerb ohne Quote verlieren, was sie an Vorrang hatten.

Die Weltbank wird auch in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 Kredite vergeben. Sie wird weiter Schulgebäude, Krankenhäuser, Energieanlagen finanzieren. Sie wird das Wort Klima weiter verwenden, in Broschüren, auf Konferenzen, in Sonntagsreden. Nur die Quote, die einzige harte Währung der Verpflichtung, ist weg. An ihre Stelle tritt ein Verfahren, das nach Erneuerung klingt und nach Abdankung schmeckt.

Ich rauche meine Pfeife zu Ende. Der Tabak ist kalt. Die Bilanzen der Bank werden weiter stimmen. Nur die Frage, wofür, verschwindet in denselben sechzig Wörtern, in denen die 45 Prozent verschwanden.

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