Ich zähle, was nicht zählen darf
1937, Wien. Die Grenzen werden dichter. Vor dem Referat für Fremdenpolizei eine Schlange, die sich um die Hausecke legt. Ich frage einen Mann, wie lange er wartet. Er sagt: seit den frühen Morgenstunden. Er sagt es leise, weil er gelernt hat, leise zu sein.
Ich zähle. Nicht die Menschen — die Verfahren. Denn die Verfahren sind es, die hier wirklich zählen. Jeder Antrag ein Akt. Jeder Akt ein Stempel. Jeder Stempel eine Tür, die sich öffnen oder schließen lässt, je nachdem, wer den Stempel hält.
Die Architektur ist präzise. Wer hier arbeitet, sortiert nicht nach Not. Er sortiert nach Herkunft, nach Datum, nach Paragraph. Es gibt einen Paragraphen für politisch Verfolgte, einen für sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge, einen für jene, die gar nicht erst anerkannt werden wollen, weil die Anerkennung sie erst recht zu Verfolgten macht. Die Kategorien schützen die Beamten mehr als die Menschen, die in sie einsortiert werden.
Unklar bleibt, wer diese Kategorien tatsächlich entworfen hat. In den Akten steht nur: Referat, Sektion, Ministerium. Die Namen der Verfasser fehlen. Die Logik nicht.
Ich frage einen Beamten — den Herrn am Schalter —, was mit einem Antrag passiert, der abgelehnt wird. Er sagt: Der Antrag wird zurückgesendet. An wen? An den Antragsteller. Und wenn der Antragsteller keine Adresse mehr hat? Der Herr am Schalter zuckt die Achseln. Er zuckt oft.
Man muss verstehen: Niemand hier sagt, er wolle jemanden sterben lassen. Niemand hier sagt, er wolle jemanden vertreiben. Was man sagt, ist: Wir haben ein Verfahren. Das Verfahren ist fair. Das Verfahren braucht Zeit.
Zeit, die manche haben. Zeit, die andere nicht haben.
Über die Köpfe der Wartenden hinweg sehe ich in das Innere des Schaltersaals. Wenige Beamte hinter vielen Fenstern. Eine Uhr an der Wand, die nicht geht, seit Monaten. Niemand hat sie reparieren lassen. Niemand hat sich beschwert. Die Uhr ist genauer als die meisten Bescheide, weil sie wenigstens ehrlich stillsteht.
Die Wartenden lernen schnell. Sie lernen, welche Formulare zuerst ausgefüllt werden müssen, welche Stempel zählen, welche Beamten einen ansehen, welche nicht. Sie lernen die Grammatik dieses Ortes. Wer sie nicht lernt, fällt durch. Wer durchfällt, fällt wohin? Das ist die Frage, die niemand hier stellt, weil die Antwort niemand hier hören will.
Wer profitiert? Die Frage klingt schrill in diesen Amtsstuben. Aber sie steht im Raum. Die Beamten, deren Posten von der Zahl der zu Bearbeitenden abhängen. Die politischen Beamten, die mit jeder gut verwalteten Krise einen Sessel weiterkommen. Die Vermieter ringsum, die wissen, dass Wartende zahlen, auch wenn sie nichts bekommen. Die Schlepper, die auf der anderen Seite der Tür warten, weil die offizielle Tür sich nicht öffnet. Die Liste ist nicht lang, aber sie ist nicht leer.
Was verschwiegen wird, ist einfacher zu benennen als das, was gesagt wird. Verschwiegen wird, dass die meisten Anträge nicht deshalb geprüft werden, weil jemand sie prüfen will, sondern weil sie geprüft werden müssen, damit die Statistik stimmt. Verschwiegen wird, dass die meisten Ablehnungen nicht aus einer Prüfung folgen, sondern aus einer Quote. Verschwiegen wird, dass die Quote nicht in den Akten steht. Sie steht in den Köpfen derer, die sie setzen.
Eine Frau zeigt mir ihren Bescheid. Sie hat Kinder. Der Bescheid ist auf einem Formular, das für kinderlose Männer gedacht ist. Man hat die Zeile für die Kinder freigelassen. Sie sagt: Sie haben vergessen, mich zu fragen. Sie sagt es ohne Bitterkeit. Die Bitterkeit ist ihr ausgegangen. Sie sagt: Ich habe noch einen Versuch. Der Versuch ist ein Formular. Das Formular hat eine Frist. Die Frist endet bald. Bald wird entschieden, ob sie bleibt oder geht. Bleiben heißt: ein Stempel mehr. Gehen heißt: wohin.
Ich frage sie, wohin. Sie schweigt einen Moment. Sie hat einen Koffer unter dem Schreibtisch stehen. Sie hat ihn immer dabei. Sie sagt: Es gibt immer eine nächste Grenze.
Sie sagt das so, wie man das Wetter kommentiert.
Ich frage einen anderen Wartenden, einen älteren Herrn, dessen Mantel nach einer langen Reise aussieht. Er ist Wiener. Er war jenseits der Grenze. Er sagt: Ich darf zurück. Er sagt es zuerst wie eine Erlaubnis. Dann höre ich, wie er es meint: als Drohung. Wer zurück darf, hat keine Zukunft hier. Wer nicht zurück darf, hat keine Zukunft dort. Dazwischen liegt ein Verfahren. Das Verfahren entscheidet, in welche Leere man fällt.
Ich nehme den Akten einen Geruch mit. Der Geruch von altem Papier und neuer Angst. Er bleibt an meinen Händen. Er geht nicht mehr ganz ab.
Ich schreibe das auf. Ich zähle weiter. Die Schlange wird nicht kürzer. Die Formulare werden nicht weniger. Die Stempel werden nicht weicher. Die Architektur steht.
Und die Frage, die offen bleibt, ist nicht, ob dieses Verfahren barmherzig ist. Es ist nicht barmherzig. Die Frage ist: Wer hat dieses Verfahren so gebaut, dass es genau so funktioniert, wie es funktioniert? Wer hat die Kategorien entworfen? Wer hat die Quoten gesetzt? Wer hat entschieden, dass Warten eine ausreichende Antwort ist auf Not?
Die Akten geben darauf keine Antwort. Die Akten sind nicht dazu da, Antworten zu geben. Die Akten sind dazu da, Antworten zu ersetzen.