Granaten über Abdin — und die Welt schaut wieder mal weg
Der Regen klopft gegen die Scheibe vom Café unten. Evelyn singt was Trauriges, irgendwas mit Herz und Heimweh. Bourbon steht halbvoll neben der Schreibmaschine. Und die Nachricht aus dem Morgen ist so alt wie das Imperium Romanum und doch nagelneu: Irgendjemand hat wieder einmal beschlossen, dass ein Stück Land ihm gehört, das ihm nicht gehört.
Abdin. Ein Dorf im Westen der Provinz Deraa, unten am besetzten Golan. In der Nacht zum Sonntag rückt eine israelische Einheit vor. Die Bewohner stellen sich ihr entgegen. Was macht die Armee? Sie schießt Granaten. In die Nähe von Wohnhäusern. Familien fliehen, im Dunkeln, zu Fuß, in Nachbardörfer. Am Morgen, so berichten es Augenzeugen, liegt eine Blindgängermunition vor einer Haustür. Ein Mann steht davor und starrt sie an, als wäre sie das letzte Wort in einem Testament, das er nicht geschrieben hat.
Die israelische Armee zieht sich zurück. Es kehrt "Ruhe" ein, sagen Ortsansässige. Eine Ruhe, die nach Kordit schmeckt und nach der Frage, wann das nächste Mal jemand an die Tür klopft.
Montag. Die Staatsapparate der Region springen an wie ein gut geöltes Uhrwerk aus der Schmiede von 1914. Katar verurteilt die "Einmärsche" und den Artilleriebeschuss als "eklatanten Bruch des Völkerrechts". Die Türkei spricht von "starker Verurteilung" und dass die Angriffe das Leben und Eigentum der syrischen Bevölkerung "mit Füßen treten". Syrien selbst, dessen Außenministerium in Damaskus die "israelischen Aggressionen" als Bruch der Souveränität brandmarkt. Ein Dreiklang der Empörung, choreografiert wie ein Konzert, bei dem jeder weiß, welche Note er spielen muss.
Die Frage ist nicht, ob verurteilt wird. Die Frage ist, ob irgendetwas davon zählt.
Ermittlerblick, Morrison. Wer profitiert?
Seit dem Sturz von Baschar al-Assad Ende 2024 — Sie erinnern sich, das war das Ereignis, bei dem die Welt applaudierte und dann schnell weiterzog — hat Israel seine Operationen im Süden Syriens massiv ausgeweitet. Truppen rückten in die UN-überwachte Pufferzone am Golan, die seit Jahrzehnten als Atempause zwischen den Fronten diente. Tiefer rein, immer tiefer. Verteidigungsminister Israel Katz sagt es inzwischen offen: Die Truppen sollen "auf unbestimmte Zeit" bleiben. So wie im Libanon. So wie in Gaza. Sprachliche Geographie der Gewohnheit.
Das syrische Sijil Center, das die Aktivitäten dokumentiert, zählte im Juni nahezu dreihundert Operationen oder Verstöße in Deraa und Quneitra. Hundertsieben davon waren Einmärsche und Razzien. In einem einzigen Monat. Drei pro Tag, nur statt Fast Food: gepanzerte Fahrzeuge und Mörsergranaten.
Wer das Etikett "Terrorist" klebt, gewinnt die Definitionshoheit. Israel behauptet, am Sonntag "mehrere bewaffnete Terroristen" getötet zu haben. Ohne Zahl. Ohne Ort. Ohne Beweis. Das ist die alte Maschine: Etikett drauf, Beweis später, falls überhaupt. Wer sich gegen eine Besatzung wehrt, ist Terrorist. Wer die Besatzung durchsetzt, ist Demokratie. So einfach ist das Rezept. So alt.
Was bleibt offen?
Unklar bleibt, wer den Befehl für die Operation in Abdin genau gab — Routine, Test, Demonstration? Unklar bleibt, warum ausgerechnet jetzt, nach Monaten der Intensivierung, die Granaten so nah an den Häusern einschlugen. Unklar bleibt, was die "internationale Gemeinschaft", an die Katar und die Türkei so eindringlich appellieren, eigentlich noch tun könnte, das sie nicht längst hätte tun sollen. Denn der Golan wurde 1967 genommen, 1981 völkerrechtswidrig annektiert, die Welt hat es zur Kenntnis genommen wie eine schlechte Hotelrechnung — abgelegt, nicht beglichen.
Die Struktur, mein Freund, ist die Struktur. Ein besetztes Hochland, das als heimisches Territorium deklariert wird. Eine Pufferzone, die zur Besatzungszone wird. Eine Armee, die "Ruhe" herstellt, indem sie die Stille nach dem Beschuss beschreibt. Drei Hauptstädte, die verurteilen, ohne zu zwingen. Und ein Dorf namens Abdin, in dem ein Mann am Montagmorgen vor einem Blindgänger steht und überlegt, ob er heute noch seinen Kindern sagen soll, dass morgen wieder die Sonne aufgeht.
Evelyn singt jetzt was leiseres. Der Bourbon ist leer. Und irgendwo zwischen dem Golan und dem Mittelmeer verschiebt sich eine Grenze um ein paar Meter, leise, wie eine Lüge, die man so oft erzählt hat, dass sie keiner mehr hört.