← Zurück zur Titelseite Konflikte

Keine Wahl, sagen sie. Und alle schauen weg

2. Juli 2026 — — Morrison, over and out.

Fars News. Das ist wichtig. Nicht irgendeine Zeitung. Fars hängt am Rockzipfel der Revolutionsgarden — und wenn Fars brüllt, dann brüllen die, die in Teheran die Gewehre putzen.

Die Schlagzeile dieser Woche: "Keine Wahl, als die Atombombe zu bauen." Kein Witz. Kein Versprecher. Eine Staatszeitung, angeschlossen an die IRGC, schreibt der Welt ins Gesicht, was man sonst nur hinter verschlossenen Türen flüstert. Die Botschaft: Wir brauchen die Bombe, um mit euch zu reden. China in den Siebzigern — so das Argument — Kissinger kam erst, als Peking die Detonation hatte. Deterrence, sagen sie. Balance of power. Damit der Krieg "kontrollierbar" bleibt.

Wunderbar. Frieden durch die Garantie, ihn führen zu können. Die Römer hätten applaudiert.

Aber halt. Zurückdrehen. Wenige Tage vorher, im schicken Bürgenstock über dem Vierwaldstättersee, Hände geschüttelt, Wasser protokolliert. Memorandum of Understanding. Iran unterschreibt: keine Bombe. IAEA-Inspektoren dürfen zurück. Pause. Dialog. Diplomatischer Frühling.

Was glaubt ihr, wer in Washington gelesen hat? Was glaubt ihr, wer in Jerusalem gelesen hat?

Da sitzt also einer am Tisch und sagt Frieden. Und seine eigenen Leute — die mit den Sternen auf den Schultern — veröffentlichen gleichzeitig das Gegenteil. Nicht versteckt. Nicht in einem Memo an die Basis. Öffentlich. In einer Zeitung, die jeder lesen kann, der lesen will.

Frage an die Herren Unterhändler: Wem habt ihr die Hand gegeben?

Rafael Grossi, der Chef der IAEA, hat es diese Woche noch einmal gesagt, leise, fast entschuldigend: Absichten reichen nicht. Wir brauchen Verifikation. Brauchen Zugang zu den bombardierten Standorten. Brauchen Inventur. Denn — und hier wird es interessant — das hochangereicherte Uran? Nicht verifiziert. Nicht abgerechnet. Verschwunden in irgendeinem Berg, irgendeiner Halle, irgendwo zwischen den Ruinen von Juni 2025.

Man kann einen Vertrag unterschreiben. Man kann ihn auch nicht einhalten. Und man kann beides gleichzeitig tun.

Aber das ist nicht alles. Schaut nach Westen. Kurdistan. Paveh, Baneh, Marivan, Mahabad. Vier Sicherheitsleute tot in dieser Woche. Die IRGC nennt es "terroristische Angriffe." Eine Gruppe namens Xore Heva — Sonne der Hoffnung — bekennt sich zu Paveh. Rache für Mahsa Amini, sagen sie. Das Mädchen, das 2022 starb, weil ihr Haar im Wind wehte. In Baneh fällt eine Dreijährige. Wem gehört die Schuld dafür?

Die Kurden — größte staatenlose Volksgruppe der Region, zerrissen zwischen Iran, Irak, Syrien, Türkei — haben in diesem Konflikt immer als Druckmittel gedient. Während der Angriffe auf Irans Atomanlagen galten sie als möglicher Hebel. Jetzt, da Washington und Teheran wieder flüstern, fürchten manche kurdischen Stimmen, dass sie fallen gelassen werden. Freie Schussfläche. Während oben am See Hände geschüttelt werden, brennt es unten an der Grenze.

Und jetzt die Frage, die niemand stellen will: Wem nützt das alles?

Der Fars-Artikel — er kommt nicht zufällig. Er kommt genau dann, wenn das Memorandum in Kraft tritt. Das ist ein Signal. Nach innen: Wir meinen es ernst. Nach außen: Testet uns nicht. Die Hardliner in der IRGC zeigen ihre Muskeln, während die Diplomaten in Genf lächeln. Beide Seiten der Medaille, geprägt in derselben Münze.

Wer profitiert, wenn das Abkommen scheitert? Nicht die Mullahs im Nadelstreifen, die in Bürgenstock Hände drücken. Die Generäle, deren Budget von der Aufrüstung lebt. Die, deren Macht schrumpft, sobald Frieden wirklich greift. Wer profitiert, wenn IAEA-Inspektoren draußen bleiben? Wer profitiert, wenn das Uran unsichtbar bleibt?

Unklar bleibt, wer im iranischen Machtgefüge den Fars-Artikel tatsächlich in Auftrag gab — die Gardenführung, ein einzelner Hardliner, der Stimmung machen will, der Geheimdienst, der testet, wie Washington reagiert? Unklar bleibt auch, wie viele der "Sicherheitskräfte" in Kurdistan tatsächlich gefallen sind und wie viele Geschichten in Umlauf sind, um den Deal zu sabotieren. Klar ist nur: Es riecht nach Choreografie. Nach einem Spiel, bei dem die Einsätze steigen, solange man nicht hinschaut.

Evelyn singt unten im Café. Irgendwas von wegen Heimkommen. Bourbon brennt im Glas. Die Schreibmaschine hat heute Abend mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gedruckt.

Und morgen früh werden sie wieder sagen: Frieden ist möglich.

Die Frage ist nur, wessen Frieden — und wer dafür bezahlt.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite