Marsch der Familie, Manöver der Macht
Zwei Prozessionen an einem Tag in derselben Stadt. Die eine trägt Regenbogen, die andere trägt Kerzen, beide tragen Uniform — nur nicht dieselbe. Sofia an diesem Samstag im Juni: eine Bühne, doppelt besetzt, doppelt beleuchtet, und in den Kulissen jene, die das Licht gestellt haben.
Wer inszeniert, hat zu verlieren. Die regierende Partei Progressives Bulgarien hat ihre Unterstützung für den sogenannten Marsch der Familie erklärt, just an dem Tag, an dem die achtzehnte Ausgabe der Sofia Pride stattfindet. Slavi Vassilev, Abgeordneter seiner Partei, nannte es eine Frage der nationalen Sicherheit. Schutz der traditionellen Familie, sagte er. Eckpfeiler von Identität und Zukunft. Die Sprache ist bekannt; man hört sie, wo immer Macht sich ihrer selbst versichern muss.
Man beachte die Geste. Eine Partei, die sich progressiv nennt und nichts Linkes an sich hat, gegründet in diesem Jahr von Rumen Radev nach dessen Triumph bei den Parlamentswahlen im April, übernimmt die Patenschaft über einen Marsch, der 2021 eigens ins Leben gerufen wurde, um die Pride zu behindern. Der Schutz, den die Partei bietet, ist nicht der Schutz einer Sache — er ist der Schutz eines Bildes. Das Bild der traditionellen Familie, das die Moral als Staatsräson deklariert, ist, exakt besehen, das Bild einer Mehrheit, die sich gegen eine Minderheit definiert.
Das Bulgarische Helsinki-Komitee hat es ausgesprochen. Wer eine Form des Familienlebens, eine Form des Bürgerseins als ehrenwerter, bulgarischer, schützenswerter deklariere, mache andere Bürger zu Bürgern zweiter Klasse. Es ist eine alte Formel. Sie funktioniert, weil niemals nach ihrem Preis gefragt wird.
Betrachten wir die Choreografie. Pride und Familienmarsch finden gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten statt. Mehr Polizei. Mehr Sichtbarkeit. Die Mechanik ist einfach. Wo zwei Lager sich gegenüberstehen, genügt ein Wort von oben, um die Spaltung zu vertiefen. Die Regierung muss den Konflikt nicht erzeugen; sie muss ihn nur anerkennen. Anerkennung ist in einer Demokratie, die ihre Symbolik pflegt, eine Waffe.
Unklar bleibt, ob die Gleichzeitigkeit Zufall war oder Kalkül. Die Organisatoren des Familienmarsches hatten selbst eingeräumt, die Veranstaltung könne mangels Interesse ausfallen. Sie fand trotzdem statt. Die bulgarisch-orthodoxe Kirche, deren Patriarch den Marsch ursprünglich anführen sollte, teilte am Freitag mit, er werde nicht teilnehmen. Der Theaterregisseur Marius Kurkinski, bekannt für seine religiösen Neigungen und zugleich eine der ersten offen schwulen Persönlichkeiten des Landes, sagte ebenfalls ab. Zwei Löcher in der Inszenierung, geflickt mit der Erklärung einer Regierungspartei.
Und im Hintergrund ein zweiter Vorgang, der selten in derselben Atemzug genannt wird, obwohl er dazugehört. Eine Gesetzesänderung von 2024, eingebracht von der prorussischen extremen Rechten Revival, verbietet in Schulen die sogenannte Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Orientierungen. Revival drängt zugleich auf ein gesetzliches Konstrukt nach Kreml-Vorbild, das ausländische Agenten registrieren und menschenrechtliche Nichtregierungsorganisationen einschränken würde. Es ist ein Mosaik, und die Fugen sind sichtbar, wenn man hinsieht.
Was die offizielle Sofia Pride betrifft, so liest man zwischen den Zeilen ein Vakuum. Die US-Botschaft, langjähriger Geldgeber, war 2025 nicht beteiligt und ist es 2026 nicht. Die Unternehmensförderung ist leiser geworden. Die Regierung der Vereinigten Staaten unter der zweiten Trump-Administration hat offenbar beschlossen, dass diese Art von Sichtbarkeit keine Priorität mehr ist. Wenn diplomatische und finanzielle Stützen einer Minderheitenveranstaltung zurückgezogen werden, geschieht das nicht zufällig. Es geschieht in einer Sprache, die keine Worte braucht. Die bulgarische Pride marschiert also nicht nur gegen ihre innenpolitischen Gegner; sie marschiert gegen ein Vakuum, das von weit her geordnet wurde.
Wer profitiert? Progressives Bulgarien profitiert von der Übernahme eines Symbols, das ihm nicht organisch gehört. Es bindet Wähler der Mitte an eine konservative Symbolik, ohne den Preis einer eigenen Programmatik zahlen zu müssen. Die organisatorischen Kräfte hinter dem Familienmarsch profitieren, weil dieser, einmal von der Regierungspartei mitgetragen, an politischem Gewicht gewinnt. Die Minderheit verliert — an Sichtbarkeit, an Geld, an Schutz durch auswärtige Stimmen.
Die Mechanismen sind alt. Eine neue Partei braucht Symbole. Eine etablierte Minderheit, deren internationale Verbündete sich zurückziehen, wird zur leeren Bühne. Ein Staat, der die Familie entdeckt, hat in der Regel vergessen, die Bürger zu zählen. Vera Kastner hat das oft gesehen. Auch in Genf. Auch dort trug man Handschuhe.
Die offenen Fragen bleiben: Wer hat die Gleichzeitigkeit der beiden Märsche tatsächlich geplant? Welche Rolle spielen die kirchlichen Kreise, die abgesagt haben, im Hintergrund weiter? Und was bedeutet es, wenn eine auswärtige Regierung ihre bisherige Haltung gegenüber Pride-Veranstaltungen offen aufgibt — für die kommenden Wahlkämpfe, für die kommenden Märsche, für die nächste Bühne? Es sind die Fragen, die in keiner offiziellen Erklärung stehen, weil ihre Beantwortung die Inszenierung stören würde.
Zwei Märsche. Eine Stadt. Handschuhe an, Licht aus, Applaus.