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Die Bilanz lügt, der Hunger nicht

2. Juli 2026 — — — E. Wolff

Die Pfeife ist kalt. Zum dritten Mal. Ich sitze im Archiv der Terminal Tribune und lese Papiere, die nicht für mich bestimmt waren — Unterlagen, die mir ein Mann zuspielte, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Kaffee wird kalt in dieser Stadt schneller als Brot.

Acht Jahre nach dem Crash hängt wieder Gold an den Wänden der Banken. Nicht eures. Gold, das aus den Tresoren der Regierung kommt, aus den Minen Afrikas, aus den Zentralbanken Londons und Zürichs — aber niemals, niemals aus den Taschen der Männer, die heute um eine Suppenküche Schlange stehen.

Die Statistik sagt: Aufschwung. Die Statistik lügt.

1937. Die Bücher sind nicht ausgeglichen und das war nie ein Versehen. Sie waren nie im Gleichgewicht. Sie wurden ins Gleichgewicht geschrieben. Das ist ein Unterschied, den ein Buchhalter versteht und ein Bankier nicht zugeben will.

Sehen wir uns an, was uns erzählt wird. Die Industrieproduktion, heißt es, habe das Vorkrisenniveau erreicht. Schön. Aber welche Industrie produziert das gleiche Volumen mit weniger Händen, zu Löhnen, die unter dem Vorkrisenniveau liegen? Das ist nicht Aufschwung. Das ist Auspressen. Das ist die Rendite, die aus dem Blut derer gepresst wird, die keine Lobby in Washington haben.

Die Löhne, so heißt es, seien gestiegen. Die Lebenshaltungskosten seien ebenfalls gestiegen. Welcher Posten schneller wuchs, sagt uns dieselbe Behörde, die uns auch das Wachstum verkündet. Ziehen Sie den Bleistift aus der Tasche. Was übrig bleibt, ist kein Lohn. Was übrig bleibt, ist eine Erlaubnis, weiterzuarbeiten.

Ich habe in der Handelskammer gesessen. Ich habe die Männer in Nadelstreifen gehört, wie sie erklärten, warum der Gürtel enger muss. Für euch, natürlich. Immer für euch. Für das Land. Für die Zukunft. Für die Nation. Aber merkwürdig — der Gürtel der Vorstandssekretärin war noch nie enger. Die Dividende des Aktionärs wurde noch nie gekürzt.

1929 habe ich gewusst, was kommt. Ich habe es aufgeschrieben. Ich habe es in die Redaktion getragen. Ich habe es dem Chefredakteur vorgelegt, der es ablehnte mit den Worten: "Wolff, Sie sind ein guter Mann, aber Sie ruinieren mir die Anzeigenkunden." Heute weiß ich: Ich habe nicht die Anzeigenkunden ruiniert. Die Anzeigenkunden haben sich selbst ruiniert. Sie haben nur den Boten erschossen.

Jetzt, 1937, sehe ich das gleiche Muster. Nur mit anderen Masken. Die Federal Reserve hat die Zinsen erhöht, die Mindestreserven heraufgesetzt — warum? Weil die Wirtschaft "überhitze", sagen sie. Weil zu viel Geld im Umlauf sei. Aber wessen Geld? Nicht das Geld der Arbeiter. Das Geld der Arbeiter zirkuliert seit acht Jahren nicht. Es liegt auf der Bank, im Sparstrumpf, im Pfandhaus. Es wartet. Es fault.

Das Geld, das die Zentralbanker beunruhigt, ist das Geld der Spekulanten. Das Geld der Holdinggesellschaften. Das Geld, das zwischen den Banktürmen hin- und hergeschoben wird wie Spielmarken in einem Hinterzimmer. Und genau dieses Geld soll nun "gebremst" werden — indem man den Kredit für den kleinen Mann verteuert. Jenen Kredit, der ohnehin niemandem mehr gegeben wird, der ihn braucht.

Verstehen Sie die Struktur? Die Lasten des Systems werden auf die abgewälzt, die es nicht geschaffen haben. Die Gewinne fließen an jene, die nicht dafür bezahlen.

Wer profitiert? Diese Frage ist unangenehm, weil die Antwort offensichtlich ist. Wer verschweigt? Wichtiger — weil die Verschweiger die Macht haben. Welche Struktur es trägt? Das ist die einzige Frage, die zählt.

Die Struktur ist einfach. Sie ist uralt. Sie funktioniert so: In guten Zeiten nehmen die wenigen. In schlechten Zeiten geben die vielen. Die "Erholung" der letzten Jahre war keine Erholung der Volkswirtschaft. Sie war eine Erholung der Bilanzen der Holdings. Die Gewinne der Industrie — so wird uns erzählt — haben Rekordniveau erreicht. Wissen Sie, wieviel der Arbeiter davon sieht? Seinen Lohn. Seinen Lohn und einen wachsenden Steuerbescheid.

Unklar bleibt, wer genau die Entscheidungen trifft, die als "geldpolitisch notwendig" verkauft werden. Unklar bleibt, welche Kanäle zwischen der Wall Street und Washington bestehen — jenseits der offiziellen Korrespondenz. Unklar bleibt, wie lange diese Konstruktion noch trägt.

Aber kommen wird der nächste Riss. Die Bücher mögen ausgeglichen sein — die Wirklichkeit ist es nie. Wenn die Zinsen steigen und die Löhne sinken, wenn die Mieten steigen und die Arbeit knapp wird, dann bricht etwas. Nicht die Wirtschaft. Das Vertrauen.

Ich lege den Bleistift hin. Ich zünde die Pfeife neu an. Sie wird kalt werden, wie immer, wenn ich zu Ende gerechnet habe.

Zahlen lügen nicht. Aber Zahlen, die von Männern in Nadelstreifen ausgewählt werden, lügen für sie.

✦ Ende des Artikels ✦
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