Brüssel schreibt, Riad rechnet — wir zahlen die Rechnung
Da sitzt man an der Zapfsäule und wundert sich. Zwölf Euro für eine Tankfüllung, die letzte Woche noch elf kostete. Oben in Brüssel wird der Emissionshandel aktualisiert, Governance-Strukturen sollen kohärenter werden, nationale und EU-Ziele sollen zusammenfinden. Fossile Subventionen sollen abgebaut werden. Klingt nach Plan.
Unten an der Straße riecht es nach Diesel und Resignation. Denn was hier passiert, ist kein Zufall. Es ist eine Maschine. Die Maschine hat mehrere Hände am Hahn.
Fangen wir in Wien an. OPEC. Genauer: OPEC+, das erweiterte Kartell, das seit Jahren den Weltmarkt dirigiert. Saudi-Arabien ist der de facto Chef unter den Ölexporteuren, und OPEC nutzt Produktionsquoten, um Angebot und Preis stabil zu halten. Stabil — das ist das Wort, das sie benutzen. Stabil für wen, frage ich mich. Stabil für die Bäuerin, die ihren Trecker betankt? Für den Spediteur, der nachts über die Autobahn fährt? Für die Pendlerin, die zur Arbeit muss?
Stabil für die Männer, die in klimatisierten Räumen über Quoten reden. Ich habe auf den Ölfeldern von Texas gearbeitet. Ich weiß, wie eine Pipeline riecht. Ich weiß, wer davon reich wird, ohne je Öl an den Händen gehabt zu haben. Das sind die, die mit dem schwarzen Gold nie in Berührung kamen.
Jetzt das Gegenstück. Die Ölversorgung durch den Golf von Oman ist drastisch gesunken. Die Produktion in den Golfstaaten wurde um mindestens zehn Millionen Barrel pro Tag reduziert. Zehn Millionen. Jeden Tag. Das ist kein Tropfen auf den heißen Stein. Das ist ein Sog, in den alles hineinrutscht.
In diesen Sog stoßen die IEA-Mitgliedsländer. Vierhundert Millionen Barrel aus den Notfallreserven wurden freigegeben, um die Unterbrechungen zu mildern, die der Konflikt verursacht hat. Konflikt — das ist das Wort aus den Pressemitteilungen. Welcher Konflikt? Wer kämpft dort, mit welchem Öl im Hintergrund? Unklar bleibt, welche Akteure genau den Hahn zudrehen. Klar ist: Vierhundert Millionen Barrel sind keine Petitesse. Sie landen am Markt, sie drücken den Preis — kurzfristig. Doch wer hat das politisch durchgesetzt? Wer profitiert davon, dass die Reserven genau jetzt, genau in dieser Menge, genau zu diesem Zeitpunkt fließen?
Ich sage nicht, dass das schlecht ist. Ich sage: Folgt dem Öl. Folgt dem Geld. Folgt dem Hebel.
Brüssel will parallel den Rechtsrahmen für Kreislaufwirtschaft und Materialinnovationen stärken, damit strategische Industrien nachhaltiger werden. Schön und gut. Aber Nachhaltigkeit in der Industrie hängt am Strom, hängt am Öl, hängt am Gas. Und da schließt sich der Kreis. Die Abhängigkeit vom Erdöl ist besonders im Straßenverkehr hoch, und genau deshalb ist OPEC+ so wichtig — nicht weil sie das Öl machen, sondern weil sie den Preis machen.
Die Verfügbarkeit und die Logistik von Energieexporten sind entscheidend für die Preisentwicklung, nicht nur die Produktionsmengen. Es kommt nicht allein darauf an, wie viel Öl im Boden liegt. Es kommt darauf an, wer es wann wohin verschiffen kann. Das ist die Struktur. Das ist das Brett, auf dem gespielt wird.
Brüssel schreibt die Regeln, will Kohärenz zwischen nationalen und EU-Zielen, will Subventionen abbauen. Riad rechnet, Riad quotiert, Riad lässt das schwarze Gold fließen oder eben nicht. Und am Ende steht der Pkw am Pumpen, der Lkw an der Tankstelle, der Lieferwagen vor dem Lager.
Ich trinke Bier. Bourbon wäre zu nahe dran an dem, was die Jungs oben trinken, wenn sie unter sich sind. Heute Abend sitze ich an der Theke, höre dem Tanklastzug-Fahrer zu, der mir erzählt, dass seine Spedition die Touren kürzen muss, weil Diesel wieder fünf Cent teurer geworden ist. Fünf Cent. Das klingt wenig. Für eine Spedition mit zwanzig Lkw ist das am Ende des Monats ein neuer Lkw.
Irgendwo in Wien, in Riad, in Brüssel sitzt jemand, der diese fünf Cent in eine Zahl auf einem Bildschirm verwandelt. Eine Quote. Ein Zertifikat. Eine Governance-Struktur. Und die Maschine läuft weiter. Sie läuft leise. Sie läuft mit Öl.
Seit 1937, könnte man sagen. Jemand dreht den Hahn auf. Jemand dreht ihn zu. Beides kostet Leben.