Fünfzig Millionen Hektar Hoffnung verpachtet
Es beginnt nicht mit einem Vertrag. Es beginnt mit einem Handschlag in einem klimatisierten Raum, irgendwo weit weg von dem Boden, über den gesprochen wird. Ein Mann im Anzug sagt einen Satz, der wie ein Versprechen klingt. Das Versprechen wiegt schwerer als jede Ernte, die je auf dem Boden stand. Die Erde wechselt den Besitzer. Der Bauer, der sie bewirtschaftet hat, sein Vater, dessen Vater, deren Mütter — sie erfahren davon aus dem Radio. Oder aus der Zeitung. Oder gar nicht.
So sieht Landnahme im einundzwanzigsten Jahrhundert aus. Keine Kolonnen, keine Fahnen. Nur Kugelschreiber, notarielle Beglaubigung und ein Regierungsbeamter, der seinen Namen unter ein Dokument setzt, das er vielleicht selbst nicht gelesen hat. Zwischen 2006 und 2009 wurden rund fünfzig Millionen Hektar Land in Afrika, Asien und Lateinamerika an ausländische Investoren verkauft oder verpachtet. Fünfzig Millionen. Das ist eine Zahl, die sich jeder vorstellen kann und die sich trotzdem niemand vorstellen will. Das sind Flächen, auf denen Weizen wachsen könnte, Reis, Hirse, Maniok — Flächen, auf denen Familien satt werden könnten. Stattdessen wachsen dort Soja für europäische Viehfuttertröge, Palmöl für Kosmetik, Mais für Biosprit, der in keinem Tank eines Dorfbewohners landet.
Wer kauft? Die übliche Verdächtige: multinationale Agrarkonzerne, deren Bilanzen länger sind als die Felder, die sie bearbeiten. Doch die Käuferlisten sind in den letzten Jahren länger geworden, diskreter, schwerer zu durchschauen. Staatsfonds aus Ländern, deren Bevölkerungen das eigene Brot nicht mehr aus der eigenen Scholle backen wollen, kaufen große Agrarflächen, um die Ernährung ihrer Leute zu sichern — eine Logik, die auf dem Papier kühl und vernünftig klingt und in der Wirklichkeit nach Vertreibung schmeckt. Wo ein Hektar seinen Besitzer wechselt, wechseln Hunderte Menschen ihre Heimat. Es gibt keinen schönen Namen dafür. Es ist, was es immer war: Raub.
Die Regierungen, die diesen Raub absegnen, sind schwach, korrumpiert oder beides. Sie brauchen Devisen, sie brauchen Investitionen, sie brauchen das Foto mit dem Investor, das in der Wirtschaftsbeilage abgedruckt wird. Was sie nicht brauchen, sind die Kleinbauern, deren Stimmen bei Wahlen keine Rolle spielen, deren Land aber auf jeder Bilanz eine Rolle spielt. Das ist die Struktur. Sie trägt sich selbst. Der Investor braucht einen Unterzeichner, der Unterzeichner braucht eine Provision, die Provision braucht eine Bank, die Bank braucht einen Kredit, der Kredit braucht ein Gesetz, das niemand gelesen hat.
Auch deutsche Spuren finden sich in diesem Geschäft, und sie führen nach Sambia. Private deutsche Investoren erwerben große Agrarflächen in einem Land, in dem ein Großteil der Bevölkerung von Subsistenzwirtschaft lebt, in dem Frauen das Land bestellen, weil die Männer in den Minen arbeiten, in dem Boden nicht nur Nahrung bedeutet, sondern Zugehörigkeit. Wenn diese Flächen in ausländische Hände gehen, geht den Kleinbauern nicht nur die Ernte. Es geht ihnen die Grundlage ihrer Existenz. Und niemand fragt sie, bevor unterschrieben wird. Denn moderne Landnahmen durch externe Akteure geschehen oft ohne Wissen der lokalen Bevölkerung — und sie verschärfen, was bereits brodelt: soziale Spannungen, alte Ungerechtigkeiten, das Gefühl, dass alles, was unter den Füßen ist, jederzeit genommen werden kann.
Dass die Geschäfte immer obskurer werden, ist kein Zufall. Land Grabbing hat sich in neue und schwer durchschaubare Formen verwandelt — Zwischenhändler, Strohmänner, Briefkastenfirmen, Verträge in Jurisdiktionen, deren Buchstaben niemand im Dorf lesen kann. Was einst offene Aneignung war, ist heute Architektur. Eine Architektur, die den Zugang von Landwirten und Gemeinschaften zu ihrem Land untergräbt — langsam, leise, fast zärtlich. Bis das Land weg ist.
Oxfam hat das gesehen. Die Organisation fordert die Einhaltung von Landrechten, die Rechte von Frauen, die Einhaltung von Gesetzen und Menschenrechten bei jedem Landgeschäft. Eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen. Eine Selbstverständlichkeit, die in den Verhandlungsräumen dieser Welt klingt wie ein Hilferuf aus einer anderen Zeit. Die Forderung steht. Die Geschäfte gehen weiter.
Die Mechanik ist einfach, und sie ist brutal. Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt — weltweit, unaufhaltsam. Die landwirtschaftliche Produktion steigt nicht im selben Tempo. Wo die Lücke klafft, fließt Kapital. Kapital sucht Boden. Boden lässt sich nicht vermehren, also wird er genommen. Wer nimmt, hat die Macht. Wer nicht nimmt, hat den Hunger. Die nächste Hungerkrise ist in dieser Rechnung bereits eingepreist — nicht trotz steigender Produktion, sondern wegen der Art, wie diese Produktion organisiert ist. Wer für wen. Auf wessen Kosten.
Was bleibt, ist die Erde. Sie bleibt immer. Sie lässt sich kaufen, pachten, überschreiben — aber sie lässt sich nicht versetzen. Sie liegt da, wo sie liegt. Die Frage ist nur, wer auf ihr sitzen darf, wenn die nächste Ernte kommt. Und wer mit leeren Händen dasteht und zuschaut.