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Die Zahlen, die nicht sterben wollten

3. Juli 2026 — — — Prof. Kessler

Die Übersterblichkeit deutet auf eine höhere Zahl von Todesfällen hin als offiziell gemeldet — mit erheblichen regionalen Unterschieden. Das ist keine Schlagzeile. Das ist ein Tatbestand. Wer zählt, gewinnt. Wer nicht zählt, verschweigt. Dreißig Jahre lang habe ich Labore besucht, in denen pipettiert wurde, bis die Aktenschränke voll waren. Ich habe gelernt: das Gefährlichste in einem Institut ist nicht das Virus, es ist die Statistik, die danach geschrieben wird.

Wenn ein Land meldet, eine Pandemie sei bewältigt, und die Friedhöfe erzählen eine andere Geschichte, dann hat jemand ein Interesse daran, dass die Friedhöfe schweigen. Die regionalen Unterschiede sind dabei kein statistisches Rauschen. Sie sind das Muster einer Verteilung. Sie zeigen, wo gemessen wurde und wo nicht. Sie zeigen, wo nachgezählt wurde und wo die Akten geschlossen blieben. Eine glatte Kurve ist verdächtig. Eine Kurve mit Knick ist verdächtig. Eine Kurve, die in manchen Bundesländern steigt und in anderen nicht, ist kein Zufall der Biologie — sie ist ein Zufall der Bürokratie.

Die Pandemie hat die Notwendigkeit aufgezeigt, in Gesundheitspersonal und Infrastruktur zu investieren und innovative Versorgungsformen beizubehalten. Das ist die offizielle Lesart, gedruckt in Hochglanzbroschüren. Die inoffizielle: Millionen Menschen mussten elektive Eingriffe streichen oder verschieben, was zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands und längeren Genesungszeiten führte. Wer eine Operation verschiebt, die er gestern gebraucht hätte, wird morgen zum Notfall. Der Notfall zählt dann nicht mehr als elektiver Eingriff — er zählt als Verschlechterung, als Begleiterkrankung, als Sepsis im Nachgang. So verschwinden Tote in den Falten der Statistik. So verschwinden Tote in den Codes, die niemand mehr öffnet.

Die Anklage bezieht sich auf Gain-of-Function-Experimente, die die Übertragbarkeit von Fledermaus-Coronaviren untersuchten. David Morens und andere stehen unter Anklage wegen Verschwörung und Verbergen von Bundesakten im Zusammenhang mit COVID-19-Forschung. Das sind keine Randfiguren der Wissenschaft. Das ist der Apparat, der das Wissen verwalten sollte. Verschwörung — das Wort klingt nach Roman, meint aber Aktenvernichtung, das systematische Leeren von Postfächern, das fröhliche „auf dem Privatgerät" eines Beraters. Verbergen von Bundesakten — das ist keine Anklage wegen einer Meinungsverschiedenheit. Das ist die Anklage, weil jemand verhindern wollte, dass die Öffentlichkeit erfährt, was in den eigenen Labors geschah.

Viele dieser Forschungsaktivitäten werden unter dem Deckmantel der Grundlagenforschung betrieben, obwohl sie ein hohes Risiko für die öffentliche Sicherheit darstellen. Grundlagenforschung. Das Wort ist der weiße Kittel der Wissenschaft — sauber, harmlos, uninteressiert. Es passt über jede Risikoabschätzung und macht sie unsichtbar. Es gibt weltweit zahlreiche Gain-of-Function-Forschungsaktivitäten, die potenziell gefährlich sind, insbesondere in den USA und China. Insbesondere. Das ist das Wort, das in jedem Bericht auftaucht, wenn jemand nicht sagen will: dort und nicht dort. Beide Seiten des Pazifiks. Beide Seiten der Aufsicht. Beide Seiten des Schweigens.

In Wuhan laufen hochriskante Experimente mit Nipah-Viren, die als potenzielle bioterroristische Erreger eingestuft werden. Nipah. Hohe Letalität. Kein zugelassener Impfstoff. Hochriskant. Bioterroristisch eingestuft — von denselben Stellen, die eigentlich den Auftrag haben, genau diese Forschung zu verhindern. Wer stuft einen Erreger als bioterroristisch ein und lässt ihn trotzdem weiter in den Schalen der Zellkulturen wachsen? Die Antwort liegt nicht im Reagenzglas. Sie liegt in der Genehmigungsbehörde. Sie liegt in jenem Raum, wo ein Stempel mehr wiegt als ein Sicherheitsbericht.

Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere. Ich habe gesehen, wie Entdeckungen als Waffen endeten. Ich habe gesehen, wie Theorien als Propaganda benutzt wurden. Ich habe gesehen, wie der weiße Kittel zum Kostüm wurde, getragen von Leuten, die mehr Zeit im Konferenzraum verbrachten als im Brutraum. Ich bin Journalist geworden, weil die Labore mir das Rauchen verboten haben — und weil die Wahrheit selten dort liegt, wo der Spender steht.

Die Frage ist nicht, ob die Wissenschaft gefährlich ist. Die Wissenschaft war immer gefährlich, schon bevor es Pipetten gab. Die Frage ist, wer das Risiko trägt und wer es kontrolliert. Die Übersterblichkeit zeigt: das Risiko trägt die Bevölkerung. Die Kontrolle lag in den Laboren. Die Kontrolleure sitzen jetzt auf der Anklagebank — oder sie sitzen weiter in den Ausschüssen, in den Beratungsgremien, in den Editorial Boards und schweigen professionell.

Unklar bleibt, wer wusste, wer schwieg, wer davon profitierte, dass elektive Eingriffe verschoben, dass Akten gelöscht, dass Übertragbarkeitsexperimente unter dem Etikett der Grundlagenforschung weiterliefen. Unklar bleibt, warum die Statistik dort glatt war, wo sie hätte zackeln müssen, und warum die Akten dort fehlten, wo die Aufsicht hätte greifen müssen.

Wer zählt die Toten, die nicht gezählt wurden — und wem nützt es, dass sie nicht gezählt wurden?

✦ Ende des Artikels ✦
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