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Stille Rückrufe, laute Bilanzen

3. Juli 2026 — — — Dr. L. Rath

Eine Pille gegen den Heißhunger. Eine Pille gegen das Zittern vor dem eigenen Spiegelbild. Mehrere Dosierungen, alle zurückgerufen, weil etwas in der Herstellung nicht stimmt — oder in der Aufsicht. Die FDA spricht von Gesundheitsrisiken. Die Hersteller sprechen von Vorsicht. Die Patientinnen sprechen nicht, weil sie es nicht wissen.

Es beginnt, wie es immer beginnt: leise. Ein Medikament, das auch bei Essstörungen verschrieben wird, verschwindet aus den Regalen. Nicht ganz, nicht überall, nur in Chargen, deren Nummern niemand außerhalb der Apotheken kennt. Die Packungsbeilage sagt nichts, der Beipackzettel schweigt, der Arzt erfährt es aus einer Mitteilung im geschlossenen System. So sieht Sicherheit aus. Wer es sich leisten kann, ruft beim Hersteller an. Wer es sich nicht leisten kann, schluckt weiter.

Tazverik heißt eines der Mittel, die zuletzt aus dem Verkehr gezogen wurden. Die FDA hat Gesundheitswarnungen herausgegeben und die Rücknahme gefordert — wegen Risiken, die in der Fachsprache klingen, als wären sie nicht schlimm. Sind sie aber. Das Mittel gegen seltene Tumore trägt ein Risiko, das niemand bestellt hat, und die Behörde tut, was sie tun muss: sie zieht die Konsequenz. Dass diese Konsequenz Monate braucht, bis sie sichtbar wird, ist kein Zufall. Es ist ein System.

BD, Haleon, Better Weather Actives LLC, Sun Pharma. Vier Namen, vier Rückrufe in einem einzelen Quartal. Freiwillig, beteuern die Konzerne. Mikrobiell kontaminiert, sagen die Labore. Nicht deklarierte Inhaltsstoffe, sagen die Etiketten. Desinfektionsmittel, Hautcremes, Injektionslösungen — die Liste liest sich wie das Inventar einer Krankenhausapotheke, der man nicht trauen darf. Wer kontrolliert die Kontrolleure? Eine Frage, die ich seit Jahren stelle und die niemand beantworten will.

Dann die Impfstoffstudie. VENTAVIA heißt die Firma, die einen großen Pharmakonzern bei der klinischen Erprobung unterstützte. Brook Jackson, eine ehemalige leitende Mitarbeiterin, behauptet, die Studie sei mit schwerwiegenden Fehlern durchgeführt worden: Datenfälschung, unzureichend geschultes Personal, falsch etikettierte Proben, nicht korrekt gelagerter Impfstoff, schleppende Reaktionen auf Nebenwirkungen. Die Vorwürfe werfen Fragen auf — nicht zur Wirksamkeit im Großen, sondern zur Integrität einer jeden einzelnen Zahl, mit der die Öffentlichkeit gefüttert wurde.

Fachleute betonen, dass die gemeldeten Unregelmäßigkeiten nicht ausreichen, um die Qualität der klinischen Studie insgesamt zu bezweifeln. Das ist das Argument, das immer kommt. Es ist nicht falsch. Es ist auch nicht ausreichend. Denn eine Studie, in der Proben falsch etikettiert werden, ist keine Studie, der man vertrauen muss — sie ist eine, deren Ergebnisse man prüfen muss. Wer hat das geprüft? Welcher Aufsichtsrat? Welche Behörde? Zu welchem Zeitpunkt? Unklar bleibt, wer hier wessen Arbeit kontrolliert hat.

Ich sitze an einem Schreibtisch voller Studien, die niemand veröffentlicht hat. Ich kenne die Geschäftsberichte, die Aktionäre lesen und Ärzte nicht. Ich weiß, wie ein Patent aussieht, wenn es umgelenkt wird, und ich weiß, wie eine Studie aussieht, wenn die Marketingabteilung mitentscheidet. Was ich nicht weiß: warum eine Aufsichtsbehörde, die Tazverik zurückrufen kann, nicht gleichzeitig die Datenfälschung in einer Impfstoffstudie ahndet. Ob es an der Kapazität liegt, am Willen oder an einer Architektur, die das eine erlaubt und das andere verhindert — die offene Frage bleibt auf dem Tisch.

Die Pille gegen die Essstörung ist nicht das Problem. Sie ist das Symptom. Das Problem ist eine Industrie, die Rückrufe als Kostenfaktor führt, nicht als Verantwortung. Die Pille verschwindet aus dem Regal, der Gewinn bleibt in der Bilanz, und die Patientin bleibt mit der Frage, was sie geschluckt hat, bevor sie es nicht mehr schlucken konnte. Wer das nächste Mal eine Charge kauft, sollte fragen: wer hat das Patent, wer hat die Studie bezahlt, wer sitzt im Aufsichtsrat. Ich frage. Ich schreibe. Ich nenne die Namen.

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